Das, was momentan in Frankreich geschieht, ist vielleicht auch eine Blaupause für das, was in den USA noch folgen kann.

über Rififi an der Seine, Skepsis an der Spree — Neue Debatte

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Rififi an der Seine, Skepsis an der Spree

Während Frankreich brennt und sich die Frage stellt, in welche Richtung sich der Massenprotest entwickeln wird, sind sich viele östlich des Rheins bereits sicher, dass es sich dort um eine eher rechte und populistische Bewegung handelt. Genährt wird diese These durch den Versuch tatsächlich im Teutonischen praktizierender Populisten, die am Samstag auf die glorreiche Idee kamen, sich gelbe Westen anzuziehen und ihrem Protest generell Ausdruck geben zu wollen. Das ist eher kläglich, ein Indiz für den Verdacht bezüglich der französischen Bewegung ist es nicht. Aber, leider trifft das wieder einmal zu, wer selbst keine Dynamik in seine Kritik zu bringen in der Lage ist, tut sich leicht, die Dynamik anderer zu diskreditieren. Das wohnen östlich des Rheins die Weltmeister. Wenn du schon nichts tust, dann belege, dass die Tat auch eine große Dummheit wäre.

Was die französische Massenbewegung hingegen dokumentiert, ist das von vielen, dieses mal zu Recht, prophezeite Ende der so glorreich gestarteten Ära Macron. Die Heiligenfigur des Neoliberalismus hatte das gesamte französische Parteiensystem ausgehebelt und war durch eine Massenbewegung, die die traditionellen Parteien in den Komparsenstand versetzt hatte, ins Amt gespült worden. Übrigens eine Analogie zu den wie immer sehr ähnlichen amerikanischen Verhältnissen. Dort war Trump auf dem Rücken des klapprigen Republikanismus ins Weiße Haus geritten, hatte dabei aber auch das „politische Establishment“ insgesamt aufs Korn genommen. Das war bis jetzt, zumindest für eine Amtszeit, in beiden Ländern gelungen. Systemisch bedeutete es aber die psychologische Abkehr vom klassischen Parteiensystem. Ausgang offen.

Das, was momentan in Frankreich geschieht, ist vielleicht auch eine Blaupause für das, was in den USA noch folgen kann. Nicht wenige derer, die sich jetzt in der gelben Notweste gar auf die Pariser Commune berufen, waren diejenigen, die den Prinzen aller Hoffnungen mit zur politischen Macht verholfen hatte, Nun, da die politischen Realitäten die salbungsvollen Worte eines Neuanfangs eingeholt haben, ist nicht nur die Enttäuschung groß, sondern auch die Zorndepots sind randvoll. Die Menschen, die dort angesichts einer gewaltigen Demonstration der Staatsgewalt vieles riskieren, fühlen sich betrogen von einem arroganten Schnösel, der sich inszeniert wie ein Beau in einem Boulevardstück. Eine echte politische Alternative sieht anders aus. Dass die Franzosen dann auch zum Rififi rufen, wenn sie sich übervorteilt fühlen, ist ihr gutes Recht.

Wenn auch so manch passiver Beobachter aus der Ferne seiner Skepsis erliegt, so sei der Rat gegeben, dass die Analogie zu den us-amerikanischen Verhältnissen eine überaus reizvolle Perspektive bietet. Es könnte nämlich durchaus sein, dass sich die Verlorenen aus dem Rust Belt oder aus den Weiten des Mittelwestens irgendwann von dem selbst ernannten Heilsbringer abwenden. Im Agrarsektor ist das längst geschehen. Wenn das Proletariat in den verwüsteten Regionen merkt, dass ihnen der Protektionismus weder Brot noch Stolz zurückbringt, dann könnte dieses Nachtmärchen ebenfalls schnell zu Ende gehen.

Es sind spannende Zeiten und nicht alles, was geschieht, ist gleich zu durchschauen. Was jedoch deutlich ist, das sind die Zerstörungen, die der Wirtschaftsliberalismus mit sich gebracht hat. Wenn sich dagegen etwas regt, so ist das ein Sachverhalt, der zeigt, dass die Hoffnung noch lebt. Da sei das Rififi an der Seine der chronischen Skepsis an der Spree vorgezogen.