Ein Freibrief für die geheime türkische Polizei

Momentan muss um jeden Menschen gefürchtet werden, der türkische Wurzeln hat, nicht wie ein Schaf hinter dem Demagogen Erdogan herläuft und von seinem Recht auf Freizügigkeit Gebrauch macht. Dass es gefährlich ist, vor allem für Türken aus Deutschland, eine Reise in die Türkei zu machen, hat sich bereits herumgesprochen. Dass nun auch in anderen europäischen Ländern die geheime Polizei des türkischen Diktators die Jagd auf alle eröffnet hat, die des Türkischen und des Verstandes mächtig sind, zeigt, mit wieviel Impertinenz der Diktator vorgeht und wie naiv und politisch unzurechnungsfähig zuweilen europäische Behörden agieren. Längst ist bekannt: die türkische Polizei ist überall und ihr Ziel ist es, Menschen einzuschüchtern und diejenigen zu jagen, die sich nicht einschüchtern lassen. So wie sie momentan agiert, scheint sie einen Freibrief zu besitzen.

Auch im jetzigen Fall, der Festnahme des Deutschen Schriftstellers in Spanien, fällt der deutschen Bundesregierung die eigene Appeasement-Politik vor die Füße. Die Entwicklung der Türkei seit dem vermeintlichen Putschversuch verharmlosend, aus Motiven, die mit dem Flüchtlingsdeal mit Erdogan zusammenhängen, wurde immer wieder davon gesprochen, dass man alles mit großer Sorge beobachte. Seit den Herren Hitler und Mussolini sollte sich allerdings in Europa herumgesprochen haben, wie sehr sich politische Kriminelle um derartige Sorgen scheren. Alles, was seit dem Putsch in der Türkei passierte, sieht so aus, als hätte der Reichstagsbrand im faschistischen Deutschland als Blaupause gedient. Die Zerschlagung der unabhängigen Justiz und die Kriminalisierung ihrer Vertreter, die Zerschlagung der regierungskritischen Presse und er Inhaftierung aller namhafter Journalisten, die Säuberung des Militärs und des öffentlichen Dienstes, alles fand im Nazi-Deutschland statt. Erdogan scheint diesen Teil der Geschichte genau studiert zu haben.

Und so wie die innere Entwicklung der deutschen Republik in Hochgeschwindigkeit zu einer Terrordiktatur vollzogen wurde, genauso träumerisch gebärdete sich Außenpolitik der europäischen Staaten. sie redeten auch davon, dass man alles mit großer Sorge betrachte und man durch unbesonneneres Handeln Hitler keinen Vorwand für noch dreistere Manöver geben wolle. Dass die Bundesregierung bis jetzt dieses Duplikat einer grandios gescheiterten Appeasement-Politik abliefert, ist der Skandal. Die wenigen, nur im Zusammenhang mit dem Wahlkampf stehenden kritischen Anmerkungen gegenüber dem Terroristen in Ankara, sind kein Indiz für einen Sinneswandel.

Nicht nur, dass jetzt anscheinend erfolgreich Türken und ehemalige Türken mit einer neuen Nationalität in ganz Europa gejagt werden wie Freiwild, nein, der Beitrag des von Erdogan zu verantwortenden Terrorismus im syrischen Krieg ist noch nicht abgeschlossen. Es reicht nicht, dass ein Land, das sich NATO-Partner nennt und für das der Bündnisfall gilt, ohne Mandat immer wieder auf syrisches Territorium zu militärischem Handeln betreten hat. Der große Schlag wird demnächst erst ausgeführt werden. Mit aller Macht wird Erdogan versuchen zu verhindern, dass sich in den vom ISIS befreiten Gebieten ein Kurdenstaat bilden wird. Um das zu verhindern, wird die Türkei wieder einmal kriegerisch und völkerrechtswidrig eingreifen und ihren Terror weiter treiben.

Es ist zu erwarten, dass diese Entwicklung dann aus Berlin wieder mit großer Sorge betrachtet werden wird.Und es wird deutlich werden, dass sich politische Kriminelle durch eine derartige Rhetorik nicht werden beeindrucken lassen. Der Faschismus ist wieder zuhause in Europa und diesmal trägt er türkische Farben. Allein angesichts dieser Tatsache ist es erschreckend, an welchen Themen sich der gegenwärtige Bundestagswahlkampf abarbeitet. Diesel-Affäre, Ehe für alle, mehr Gerechtigkeit – weltfremd wäre eine sehr wohl meinende Umschreibung.

An der Oberfläche geknabbert

Burhan Qurbani. Wir sind jung. Wir sind stark

Der kluge Carl Weissner, die markante Stimme des deutschen Undergrounds, gestand einmal, dass der Verriss eines Werkes ihm gar nicht läge. Es müsse schon sehr viel geschehen, ehe er sich zu so etwas aufraffe, weil er wisse, wie sehr es einem unter die Haut ginge, wenn man selbst Gegenstand eines solchen Verrisses sei. Nicht nur deshalb geht es mir ähnlich. Ich habe immer das Gefühl, dass ein solches Vorgehen immer etwas mit Anmaßung zu tun hat. Und dennoch, manchmal gibt es Situationen, die erfordern, dass eine konsequente Position eingenommen wird, auch gegen ein Werk und damit seinen Schöpfer.

Diesmal geht es gegen einen Film. Er lief im ZDF und war als Drama angekündigt. „Wir sind jung. Wir sind stark“ war der Titel, unter dem der Film angekündigt wurde und er behandelte die rassistischen Ausschreitungen in Rostock Lichtenhagen im August 1992. Er stammt von dem deutsch-afghanischen Regisseur Burhan Qurbani.

Ich hätte mir das alles ersparen können, wenn ich meinem Instinkt gefolgt wäre und die Anmoderation des Films durch Klaus Kleber, die zeitgenössische Kollektivmetapher für die Verdunkelung, mit dem Satz, dass die Kollegen, die damals dabei gewesen seien, ihm berichtet hätten, dass der Film der damaligen Realität sehr nahe käme als Warnung genommen hätte. Von der bloßen Faktenlage muss man nicht dabei gewesen zu sein, um das zu bestätigen. Die Krawalle und ihre innere Motorik nach 25 Jahren noch so darzustellen erfordert allerdings ein Maß an Ignoranz, das erstaunlich ist.

Zu den Fakten: In Rostock Lichtenhagen, einem sozialen Brennpunkt, in dem Arbeitslosigkeit und alle Formen der daraus folgenden sozialen Tristesse herrschen, werden Anfang der neunziger Jahre große Gruppen von Asylbewerbern in leerstehenden Plattenbauten untergebracht. Die Situation eskaliert, als Sinti und Roma dazukommen, die durch ihr Verhalten die bisherige „Ordnung“ stören. Plötzlich bricht der Damm und es entladen sich rassistische Emotionen, die in die Geschichte eingegangen sind.

Der Film zeigt den Ablauf, einerseits aus Sicht der sozialdemokratischen Akteure der Stadtverwaltung, deren Politik sich in einer Taktiererei zwischen ihr, der Landes- sowie der Bundesregierung um Zuständigkeiten erschöpft. Zentrum jedoch ist einer Gruppe von Jugendlichen, die herumstreunt und sich mental auf den vermeintlich großen Kampf vorbereitet. Die Zusammensatzung der Gruppe ist insofern interessant, als dass sich in ihr Vertreter der gehobenen Mittelschicht wie des Proletariats oder das, was im Rostock jener Tage davon geblieben ist, zusammenfinden. In der Gruppe wird gesoffen und gevögelt, und irgendwann werfen ihre Mitglieder Molotow-Cocktails und brandschatzen das berühmte Sonnenblumenhaus.

Das alles ist sicherlich richtig, nur, die heftige Kritik richtet sich gegen die Unterlassung an Erkenntnis, 25 Jahre nach den Ereignissen. Es hätte interessiert, warum und aus welchen Erwägungen gerade Rostock Lichtenhagen für die Unterbringung von Asylanten ausgewählt wurde, es hätte interessiert, warum und auf wessen Veranlassung, in der Nacht der Eskalation, plötzlich die Polizei abgezogen wurde, damit gebrandschatzt werden konnte. Und es hätte interessiert, was sozial, politisch und kulturell bei den Jugendlichen passiert war. Sie hatten den Untergang der DDR erlebt, den Untergang ihrer Stadt mit der Abwicklung des Hafens und der Werften und sie hatten alle ihre Hoffnungen begraben müssen.

Die Ereignisse in Lichtenhagen hätten ein Schlüssel für das werden können, wenn heute, wie es regelmäßig in Deutschland geschieht und nicht so interessiert wie Ereignisse im amerikanischen Charlottesville, Asylbewerberunterkünfte abgefackelt werden. Sich bei einer Darstellung der Geschehnisse damals diesen Erkenntnissen zu verschließen ist ein schweres Versäumnis. Zu erklären ist es, weil der freie Westen für viele eine herbe Enttäuschung war, die so stark wirkte, dass alle Dämme rissen.