Praktische Folgenlosigkeit

Wahrscheinlich ist die praktische Folgenlosigkeit eines der größten Ärgernisse unserer Zeit. Da wird sehr viel geredet von dem unbegrenzten Zugang zu Informationen und aufgrund dessen wird sehr viel enthüllt. Immer wieder werden wir konfrontiert mit neuen Erkenntnissen aus den Bereichen von Wirtschaft, Politik, staatlichem Handeln oder in Sport und Kultur. Und immer wieder meldet sich das blanke Entsetzen, wenn bekannt wird, wie das wahre Leben in diesen Komplexen aussieht. Und es macht sich große Enttäuschung breit. Darüber, dass die jeweiligen betroffenen Systeme die Vergehen nicht selber ahnden und darüber, dass es keine anderen Mächte gibt, die das könnten. Der deutsche Michel, den es übrigens immer noch gibt und der sogar mit iPad und Smartphone durch das Dickicht des Alltages rauschen soll, der deutsche Michel ist wie immer beleidigt und mault sich den alt bewährten Spruch in den Milchbart, Politik sei eben ein schmutziges Geschäft.

Eine solche Reaktion ist verständlich, sie ist aber auch die schlechteste mögliche. Und was dabei besonders verärgert, ist die Tatsache, dass der Michel nicht zu lernen scheint. Jede Katastrophe, die aus dieser Haltung resultierte, wurde größer als die vorherige. Rückschlüsse hat er nicht gezogen, deshalb fällt er bei aller Nachsicht als Bündnispartner für eine bessere Welt aus.

Wichtiger ist das Rätsel um die praktische Folgenlosigkeit. Wie kann es sein, dass, obwohl große Teile der Bevölkerung immer mehr über die Unzulänglichkeit und das Korrumpierende der Macht wissen, sich dennoch keine Gegenreaktion bildet und sich eine Phalanx formiert, die zumindest eine Vorstellung davon hätte, wie eine bessere Alternative zu dem Bestehenden aussähe.

Die Antwort mag zum einen daran liegen, dass es seit einem Vierteljahrhundert systemisch keine Alternative mehr zu geben scheint. Der Kapitalismus hat obsiegt und sich danach in seiner furchtbarsten Form präsentiert, dem militanten Wirtschaftsliberalismus. Als gesellschaftlicher Konsens hatte er lange die Herrschaft, die nun bröckelt, aber ohne programmatische Alternative. Das hinterlässt ein Vakuum, in das nun die Quacksalber und Demagogen stoßen, weil die Wissenschaftler zumeist, auch das eine Erklärung, ihren gesellschaftspolitischen Verstand verloren haben und die Intellektuellen selbstverliebt im Rotweindunst an alte Zeiten zurückdenken, statt sich couragiert zu Wort zu melden. Sie sind es, die ebenso gestrandet sind, am Ufer der Belanglosigkeit, weil sie keine gesellschaftliche Praxis mehr kennen, sondern im virtuellen Raum der Konsensgesellschaft auch ihren Verstand verhökert haben.

Und, natürlich, hat das Bildungssystem ganze Arbeit geleistet. Wer von denen, die die hin- und herreformierten Schulen in den letzten Jahrzehnten durchlaufen haben, ist in der Lage, sich in dem Orkan von Informationen aufgrund innerer Werte, die aus einer Analyse von Interesse und Verantwortung und der Fähigkeit, zu strukturieren, zurechtzufinden? Wenn Nachrichten über Systemzusammenhänge in einem Ausmaß wie bei Wikileaks zur Verfügung stehen und sich politisch dennoch nichts Signifikantes tut, dann sollten die Alarmsignale auf Sturm stehen.

Da das so ist, bleibt nichts anderes, als sich auf den beschwerlichen Weg zu machen, über die Konfrontation, über die Polemik in einen Modus zu kommen, der Lernprozesse anstößt, die weit über die institutionalisierten Formen des Lernens hinausgehen. Non scholae, sed vitae, jetzt muss das Leben die Schulen lehren, wie es geht. Es ist schon lange an der Zeit, die gesellschaftliche Praxis vor die Theoriebildung zu stellen. Wenn Praxis herrscht, kommt eine gute Theorie sehr schnell nach.

Die Zukunft, der Terrorismus und ein Pakt mit dem Teufel

Politik ist immer mit dem Anspruch angetreten, die Gegenwart auszugestalten und die Weichen für die Zukunft zu stellen. „Und der Zukunft zugewandt“, wie es in der einstigen Hymne der DDR hieß, sollte Politik immer sein. Ist sie dies nicht, so ist sie bereits über dem Verfallsdatum. Denn das Kümmern und womöglich der Diskurs über die Phänomene der Vergangenheit ergibt nur dann Sinn, wenn daraus Lehren für die Zukunft gezogen werden. Das ist dann allerdings ein Prozess, der dadurch gekennzeichnet ist, dass alle Akteure wissen, worum es sich handelt: eine historische Betrachtung als Feld für das Lernen.

Die gegenwärtige Politik der Bundesregierung ist nicht nur in den Verdacht geraten, die Zukunft als Handlungs- und Gestaltungsfeld auszublenden, sondern sie widmet sich exzessiv wie ein Nostalgie-Club den Phänomenen der Vergangenheit. Angeführt und angetrieben von der bayerischen CSU wird mit der fragilen Ware der Toleranz ein tollkühnes Spiel getrieben, das aus der Vergangenheit schöpft und die Zukunft blockiert. Anhand der Flüchtlingszahlen aus dem vergangenen Jahr werden Horrorszenarien entworfen, die eine Invasion von Fremden biblischen Ausmaßes beinhalten und es wird um so genannte Obergrenzen gezockt, als sei dieser Prozess noch in vollem Gange und als gäbe es nicht einen anderen Richtwert, der in Form des politischen Asyls in der Verfassung stünde.

Längst hat diese Regierung einen Pakt mit dem türkischen Teufel geschlossen und damit dafür gesorgt, dass die aktuelle Immigration in überschaubaren Bahnen verläuft. Längst sind die Verfahren zur Erfassung wie Aufnahme von Hilfesuchenden professionalisiert und längst ist die Zeit angebrochen für Fragen, wie die, die bleiben, integriert werden sollen. Stattdessen inszeniert das Hasenherz Seehofer, der nachweislich in der Nacht des letzten Jahres, als die Grenze für die Wartenden in Ungarn geöffnet wurde, sein Hand Phone ausgeschaltet hat und vermutlich heftig atmend unter seinem rustikalen Eichenbett lag, ein Stück, das eines soll. Es soll Angst und Schrecken verbreiten und dafür sorgen, dass viele Bürger sich denen anvertrauen, die keine Vorstellung von der Zukunft haben.

In diesen Tagen wird sehr viel geredet, aus berufenem wie unberufenem Munde, und vor allem über Terrorismus. Die arme Zuhörerschaft ist dabei deshalb verwirrt, weil viel Terroristen überall lauern, aber andere, die genauso handeln, die Sicherheits- und Friedensstifter sein sollen. Ursache dafür ist das seltsame Narrativ von den doppelten Standards. Diejenigen, die nicht in „unserem“ Interessen handeln, sind die Terroristen und diejenigen, die auf unserer Seite sind, die dürfen töten und morden und sprengen was das Zeug hält. In solchen Zeiten ist es ratsam, sich dem Sinn der Begriffe zuzuwenden und sich nicht von den seichten Interpretatoren des Zeitgeistes die Sinne rauben zu lassen.

Terrorismus, so lesen wir in den Nachschlagewerken, die noch nicht vom Geist der doppelten Standards kontaminiert sind, Terrorismus ist das Verbreiten von Angst und Schrecken. Punkt. Wie dies geschieht, ist nicht zu spezifizieren. Ob dies mit Bomben oder mit Worten geschieht, ist gleichgültig, natürlich nicht für die Betroffenen, aber hinsichtlich der Wirkung. Das Ziel, mit Worten bei einer möglichst großen Gruppe Angst und Schrecken zu verbreiten, um sie dann zu einer Handlung zu treiben, die weder rational noch in ihrem Interesse ist, kann mit Fug und Recht als ein terroristischer Akt bezeichnet werden.

Wer zumindest der verbal ausgesprochenen Erkenntnis der Bundesregierung Folge leisten will, dass die Bekämpfung des Terrorismus eine wichtige Voraussetzung für die Fähigkeit steht, das Problem der Massenflucht auf der Welt in den Griff zu bekommen, der wende sich gegen die Teile in der Regierung, die das terroristische Handwerk täglich praktizieren!

Brandgefährliches Cargo

„Das Wort geht der Tat voraus“, so Heine in seiner den Franzosen die Verhältnisse in Deutschland erklärenden Schrift „Zur Geschichte der Religion und Philosophie in Deutschland“. Nicht, dass dieser Gedanke zu seiner Zeit neu war, aber Heine schuf mit dieser Schrift und den in ihr transportierten Thesen eine neue Bemessungsgrundlage für  Religion, Philosophie und Politik. Wenn die gedankliche Klärung, in Worte gefasst, das Programm ist, das sich in der Lebenspraxis materialisieren wird, dann ist es ratsam, sich unterschiedliche historische Phasen anhand dieser These noch einmal genauer anzuschauen.

Machen wir einen brutalen Schnitt und sehen uns die Botschaften an, die heute aus dem politischen Milieu heraus in die Öffentlichkeit geschleudert werden. Textanalysen bringen zutage, dass der größte Teil dieser Botschaften eingenommen wird von belanglosen Allgemeinplätzen. Diese wiederum korrespondieren mit Abstraktionen, die nie falsch sind, die aber euch keinen Eindruck davon vermitteln, wie sich die konkrete Botschaft in der Realität darstellt. Das Ergebnis sind Texte, die zwar an das Volk adressiert sind, die aber mit der Konkretion, in der das Volk sein Dasein zu gestalten hat, nicht korrespondieren. Den Worten, die der Tat vorausgehen sollen, können keine Taten folgen, weil sie keine Instruktionen für die Realität enthalten.

Praktisch folgenloses Reden seinerseits wiederum ist gesellschaftlich gesehen brandgefährliches Cargo. Denn es kann gedreht und gewendet werden, wie die Absender es auch wollen, die Absender der Worte wurden gewählt und in ihre Positionen gebracht, damit sie Gedanken so formulieren, dass sie in der Lage sind, das gesellschaftliche Dasein zu verbessern. Wenn sie das nicht tun, und, noch schlimmer, wenn sie das kontinuierlich nicht tun, dann strebt die Gesellschaft auf einen Punkt zu, in dem die Mandatsträger keine Rolle mehr spielen. Lenin hatte für einen derartigen Zustand eine sehr einfache, aber treffende Formulierung gefunden: „Wenn die oben nicht mehr können und die unten nicht mehr wollen.“ Er nutzte diese Formulierung für die Beschreibung einer revolutionären Situation.

Der beschriebene Sachverhalt, dass die Worte, die den Taten vorausgehen, fehlen, ist angesichts des sich selbst definierenden Kommunikationszeitalters ein Desaster. Die Herrschenden, denen die Führung der gesellschaftlichen Geschäfte anvertraut wurde, sind nicht mehr in der Lage, mit ihren Auftraggebern zu kommunizieren. Dass sich letztere irgendwann mit Bitterkeit abwenden, ist mehr als logisch. Dass „die da oben“ diese Botschaft nicht verstehen, lässt neben dem Verlust an Sprache auch den Verlust sozialer Intelligenz vermuten. Es ist alles andere als schön, aber es ist so, wie es ist.

Der Aufstand gegen das Unerträgliche beginnt immer mit den richtigen Fragen. Bertolt Brecht, der Magier des subversiven Instinkts, wusste das sehr genau. Die „Fragen eines lesenden Arbeiters“ sind die Blaupause an sich für zersetzendes Nachfragen. Entsprechend dieser Konzeption ist es geraten, die Texte, mit denen wir unablässig traktiert werden, bei denen zu hinterfragen, von denen sie produziert werden. Denen wird das Vorkommen wie eine Inquisition gegenüber der politischen Korrektheit. Genau genommen ist es das auch. Denn die Formulierungen der politischen Korrektheit sind der Schutzwall, hinter dem sich die unbegründete neue Herrschaft geschickt verbirgt. Wir leben in Zeiten, in denen das Nachfragen tabuisiert wird. Die Klasse ohne Worte kann nur weiter ihre Macht erhalten, wenn es ihr gelingt, die Gegängelten mit ihrer absolutistischen Logik zu schikanieren. Dagegen helfen das Nachfragen, das Bloßstellen und das Enthüllen, auch wenn es zunehmend anstrengt!