Der Islamismus in Asien

Die gezielten, zeitgleichen und mutiplen Anschläge auf Stätten mit westlichen Besuchern im Zentrum Mumbais wurden mit der bereits typisch gewordenen Begrifflichkeit nachrichtendienstlich übermittelt. Spätestens seit der Bekanntgabe der Forderungen der Terroristen war schnell kein Geheimnis mehr, dass es sich bei der ganzen Großaktion um einen Coup von Islamisten handelte. Und obwohl diese in vielerlei Hinsicht aus ihrer eigenen Betrachtung heraus erfolgreich waren, spricht aus den Ereignissen auch eine gehörige Portion Selbstzweifel des terroristischen Islam.

Im Gegensatz zu allen bisherigen Anschlägen des islamistischen Terrors in der Welt gehört die muslimische Öffentlichkeit Süd- und Südostasiens zu der mit Abstand kritischsten innerhalb der islamischen Welt insgesamt in Bezug auf die politische Zweckentfremdung des Jihad. Während nach den Anschlägen vom 11. September 2001 über die arabische Welt der Wüstenwind den Geruch von Angst und Schrecken verbreitete, diskutierten die Muslime Asiens in aller Öffentlichkeit den Wahnsinn des Terrors. Akribisch wurde in den Zeitungen aufgelistet, dass bei den Anschlägen der letzten Jahrzehnte fast immer mehr Glaubensbrüder umgekommen seien als Ungläubige, dass die Regisseure des Terrors gelangweilte Wohlstandsverwahrloste seien, die gar kein Interesse an der sozialen Befreiung ihrer muslimischen Brüder hätten und dass die selbsternannten Kämpfer des Islam es gewaltig an Demut gegenüber dem Leben missen ließen.

Der Islam griff erst nach der europäischen Reconquista vom 11. bis 13. Jahrhundert und der Vertreibung der Mauren aus Südspanien nach Asien. Eben jene Mauren waren es, die in starkem Maße zur Verbreitung des Islam in Süd- und Südostasien beitrugen. Vor allem im Zuge merkantiler Prosperität und der Blütezeit der islamischen Aufklärung gelang es, große Teile dieser Region meist vom Hinduismus zum Islam zu bekehren. Und obwohl der Islam einen Siegeszug abhielt, vermochte er es bis heute nicht, die archetypisch vorhandene Denk- und Gefühlswelt des Hinduismus völlig zu eliminieren. Den Vertretern des dogmatischen Wüstenislam gilt die Toleranz und der Liberalismus des Tropenislam bis heute als suspekt.

Die islamistischen Aktivitäten in Süd- und Südostasien nach dem 11. September 2001 sind meist mit saudischem Geld finanziert und deshalb intensiviert worden, weil im Zuge der Debatten in der asiatischen muslimischen Gemeinde dem Dogmatismus schnell klar wurde, dass der Kampf ums Überleben im eigenen Lager entschieden werden würde. Daher schlug man kurz darauf auf den Philippinen und auf Bali zu und bildete Netzwerke bis Malaysia. Die Reaktion war aber wiederum nach innen verheerend, was sich an dem jüngsten Todesurteil für die Bali-Attentäter in Indonesien zeigt, einem harschen Affront gegen die eigene javanische Sanftmut.

Die Aktion von Mumbai ist in demselben Licht zu sehen. Die Überlebensfähigkeit des islamistischen Terrorismus entscheidet sich anscheinend im eigenen Lager, quasi in den letzten Rekrutierungszonen des eigenen Hinterlandes, um weiterhin gegen den Westen operieren zu können. Die Heftigkeit und der Wahnsinn, mit dem in Mumbai vorgegangen wurde, deutet auf eine gewisse Nervosität, weil die Zielerreichung einer flächendeckenden Gefangenenbefreiung in Indien nicht einmal nach dem zügellosesten Genuss des wilden Mohns im Bereich der Spekulation liegt.

Es gibt eine begründete Hoffnung, dass die Zukunft des Islamismus nicht im Westen, sondern in der muslimischen Welt selbst entschieden wird. Alhamdulillah!