Rom & Soul

Als die Väter der Vereinigten Staaten von Amerika Washington zur Hauptstadt auserkoren, sorgten sie durch die Architektur des Regierungsviertels für einen eindeutigen historischen Bezug. Vom Capitol bis zum Monument, eskortiert vom Lincoln Memorial und dem Weißen Haus sollte klar gestellt werden, dass man nichts weniger erreichen wollte als die Macht des römischen Imperiums. Als Präsident Barack Hussein Obama als 44. Präsident der USA eingeschworen wurde, stand er als Nachkomme eines kenianischen Einwanderers auf den Stufen des Gebäudes, das durch die Zwangsarbeit afrikanischer Sklaven fertig gestellt worden war. Obama, der während seiner unzähligen Wahlkampfreden immer wieder betont hatte, dass er der Präsident aller Amerikaner, unabhängig von Hautfarbe, Glauben und sozialem Stand werden wolle, machte bei der Choreographie seiner Inauguration dennoch deutlich, woher er kommt. Die Ehrentribüne war auffällig dunkel, ein Bürgerrechtler aus den Südstaaten sprach den Segen und Aretha Franklin, die Queen of Soul, die mit ihrer Hymne auf die Emanzipation namens „Respect“, die sie schon in einer Fischbratküche gesungen hatte, schon in der Hall of Fame weilt, Aretha Franklin blies der Hymne der USA so kräftig den Soul ein, dass manchem antiken angelsächsischen Weißen das Blut in den Adern gerann.

Die nach der Vereidigung gehaltene Rede des neuen Präsidenten wich erheblich von seinen Massenreden im Wahlkampf ab. Es war zu spüren, dass der Kandidat für das Weiße Haus sich der Verantwortung der Macht bewusst geworden war. Seine Worte beschrieben den desolaten Zustand des Landes, die wirtschaftlichen und sozialen sowie die psychologischen Probleme einer ramponierten Weltmacht. Was ihn von einem historischen Blut-, Schweiß- und Tränenredner unterschied war das Talent, die bevorstehenden schweren Jahre durch eine Vision zu inspirieren, die in den Grundüberzeugungen derer tradiert ist, die ihre Länder verlassen hatten, um auf dem Neuen Kontinent Freiheit und Glück zu suchen. Dass er denen, deren Vorfahren unfreiwillig und in Ketten an die Ostküste geschafft worden waren, nun die Hoffnung geben konnte, ebenso das Recht auf die Freiheit zu haben, machte die Inaugurationsrede einzigartig und verlieh ihr dramatische Kraft.

Dass beim anschließenden Lunch der weiße, demokratische Königsmacher Ted Kennedy kollabierte, hatte wieder römische Züge, genauso wie der Weg zum Weißen Haus, den der neue Präsident und seine Familie in einem Cadillac namens The Beast unternahmen, flankiert von einer Formation zweispänniger Harley Davidsons, die regelrecht falcatus, d.h. mit Sicheln versehen wirkten. Hunderttausende jubelten dem neuen Imperator zu, und das stylish presidential couple, das zuweilen aus dem Biest ausstieg, um das Volk seine Aura spüren zu lassen, wirkte schon ganz cäsarisch und gar nicht mehr wie Chicagoer Mittelstandsjuristen.

Noch während der neue Imperator beim Tanze seiner Gattin mehrmals auf den Saum trat, wurde bekannt, dass er bereits alle Verwaltungsakte der Bush Administration gestoppt und die laufenden Verfahren auf Guantanamo eingestellt hatte. Schon in den ersten 100 Tagen wird es also rasseln in den rostigen Arsenalen der alten Regierungsmaschinerie. Obama wird sehr dynamisch und entschlossen das Haus auf Vordermann bringen, das von der nachlässigen Führung eines phlegmatisch burschikosen Bauern aus Texas verludert ist. Da wird es krachen und Aufgabenkritik geben, Leistungen werden gestrichen, Staff entlassen und Privilegien abgeschafft werden. Und dann werden neue Projekte kommen, die der Dimension der Neuen Welt entsprechen. Und wenn das Haus wieder in einem vernünftigen Zustand ist, dann wird die Welt zu spüren bekommen, dass ein neuer Imperator im Rom der Moderne die Macht in Händen hält. Und viel Bigotterie wird aus der Weltpolitik verschwinden, auch wenn es vielen nicht schmecken wird. Denn die Gattin des neuen Präsidenten, die stammt von Sklaven ab, und wenn der neue Imperator den Wohligkeiten und neckischen Avancen der Macht empfänglich zu werden scheint, dann wird diese Dame ihm etwas ins Ohr flüstern, das ihn wieder zur Besinnung bringt, jede Nacht! Und das ist Rom & Soul!