Ein Soziologe verlässt die Bühne der Literatur

Am Dienstag, den 28. Januar, verstarb der amerikanische Schriftsteller John Updike im Alter von 76 Jahren in seinem Heimatland USA. Der Autor ging bis zu seinem Ende seiner großen Leidenschaft des Schreibens nach und hinterlässt der Nachwelt ein Werk von unschätzbarem Wert. Die von John Updike geschaffene Literatur ist ein Kompendium über die Entwicklung der US-amerikanischen Gesellschaft in der zweiten Hälfte des Zwanzigsten Jahrhunderts und hat in seiner Beobachtungsdichte und analytischen Schärfe nichts Vergleichbares neben sich stehen.

Vor allem mit seiner Rabbit-Tetralogie schuf Updike im Zeitraum von 1960 bis 1990 ein Vorstellungs-, Sitten- und Sozialpanorama des amerikanischen Mittelstandes in der Provinz. Die Hauptfigur, Harry Rabbit Angstrom, wird literarisch begleitet von seiner Karriere als Highschool Basketballstar (Rabbit, Run, 1960), geht über seine beruflichen Anfänge als Autoverkäufer (Rabbit Redux, 1971), seinen sozialen Aufstieg in der Autobranche (Rabbit Is Rich, 1981) bis hin zu seinem Rentnerdasein im Staate Florida (Rabbit At Rest, 1990). Updike ist es mit literarischen Mitteln gelungen, eine soziologische Studie der amerikanischen Mittelstands- und Nachkriegsgeneration zu fertigen, die weit über den sozialen Kontext der empirischen Soziologie hinausgeht.

Der soziale Aufstieg des Rabbit korrespondiert mit einem Wertesystem, das aus der protestantischen Leistungsethik generiert wurde. Das Liebenswerte an den Figuren, die Updike in die Handlungsmuster wirft, ist ihre Friktion mit dem überlieferten Wertesystem und den Wünschen und Begierden, die durch die soziale Verfügbarkeit und die Lebenserleichterung einer wachsenden technischen Infrastruktur entstehen. Rabbits Frau tendiert zu Statussymbolen und dem besseren Leben, Rabbit hat machtgesteuerte Sexualphantasien, die durch die Entsagungen, die der tägliche Leistungsdruck erzeugt, freigiebig gespeist werden. Der Geldzuwachs erspart dem sozial avancierten Ehepaar nicht den Generationenkonflikt mit den Kindern und nicht die zusehend deutliche Erkenntnis, dass die USA den Wohlstand der siebziger und achtziger Jahre mit einem schleichenden Identitätsverlust bezahlen mussten. Rabbit erlebt das alles im Reich des Unterbewussten, die Veränderungen erkennt er bewusst nur in der technischen Soziologie des Haushalts, in Mixern, Mikrowellen und Fernbedienungen oder im Verschwinden von Geschäften im alten Stadtzentrum und riesigen Shopping Malls auf der grünen Wiese. Tief im Innern bemerkt er, wie die Geschichte vor ihm herläuft und den Boden, auf dem er fest zu stehen glaubte, mit sich zieht und ihn ins Schwanken bringt. Sein Rentnerdasein in Florida ist eine industrialisierte Dienstleistung, die ihm den Traum von der individuellen Freiheit endgültig raubt, seine geheimen Begierden jedoch nicht zu töten vermag. Das gelingt ihm selbst nicht beim Sterben, das von Updike ins Tragikomische verzerrt wird.

Obwohl die Rabbit-Tetralogie bei weitem nicht das Einzige ist, auf was verwiesen werden muss, wenn von John Updikes soziologischer Sezierschärfe gesprochen wird, die großartige Metaphern hervorbringt, soll diese Erwähnung genügen, um darauf hinzuweisen, wie sehr dieser Schriftsteller fehlen wird, jetzt, wo er nicht mehr unter uns weilt.