Die Bestie im Goldfischteich

Natürlich rauchten wir in den Pausen, natürlich knutschten wir mit den Mädels und natürlich tranken wir an den Wochenenden Alkohol. Aber das war es nicht gewesen und hätte Lehrerschaft und Schulleitung nicht entsetzt. Für große Unruhe und Verwirrung hatte etwas anderes gesorgt. Wir hatten einen Lehrer, den die hart gesottenen Jungens aus unserer Klasse einen Faschisten nannten. Sein Name ist unbedeutend. Auch wenn ich damals mit der Bezeichnung nicht viel anfangen konnte, so war auch mir klar, dass dieser Mann die Ausgeburt all dessen war, was ich verabscheute. Er war cholerisch, rechthaberisch, brutal und ungerecht. Vor allem letzteres widerstrebte mir am meisten. Wir kannten ihn als jemanden, vor dem man nicht sicher war. Es konnte immer, egal, was auch passierte, jeden treffen. Und wenn es einen traf, dann mit einer Grausamkeit, die über den physischen Schmerz der harten Schläge hinausging. Mal traf es einen, weil man schlecht vorbereitet war, mal, weil man lachte und ein anderes Mal wieder, weil man nicht lachte. Es war ein Debakel. Mit der Zeit trug dieser Mann dazu bei, dass unsere Klasse näher zusammen rückte. Es war, wie so oft im Leben, dass ein Feind von außen dazu beitrug, die inneren Widersprüche und Animositäten in einem Sozialgefüge zu übertünchen.

Unsere Klasse war von der sozialen Herkunft sehr heterogen, wir hatten Bergarbeiter-, Bauern- und Bürgerkinder und sogar einen Spross aus einer Familie, die man damals als asozial bezeichnete. So gab es zwischen uns immer wieder Auseinandersetzungen, die auf sozialen Gegensätzen beruhten, sei es wegen verfügbarer Mittel, wegen der Kleidung, wegen der Sprache oder wegen der Haltung oder wegen der Werte, über die wir schon verfügten.

Besagter Lehrer hatte die Fähigkeit, das alles in den Hintergrund zu drängen, weil er diese Unterschiede zwischen uns zunichte machte. Er polarisierte, indem er sich als eine Gefahr für uns alle generierte. Hinzu kam, dass viele unserer Eltern auch nicht viel von ihm hielten. Das lag wohl daran, dass er tatsächlich einen politischen Hintergrund hatte, der das Wort vom Faschisten in unseren Klassenraum getragen hatte. Dennoch waren vor allem unsere Väter der Auffassung, dass man einen solchen Lehrer eben ertragen müsse.

Aber es kam, wie es um das Jahr 1970 herum irgendwann kommen musste. Der Mann, der übrigens von uns die Bestie genannt wurde, betrat eines sonnigen Frühlingsmorgens wieder einmal schlecht gelaunt unser Klassenzimmer und es dauerte nicht lange, dass wieder einer von uns nach vorne zum Vorsingen musste. Sein Name war Manfred Klose. Er war aus der Zechensiedlung, sein Vater Bergarbeiter, er selbst eher schmächtig, ein ausgezeichneter Leichtathlet, schnell wie der Wind, ein netter Junge, den alle mochten. Die Bestie fragte ihn ab, und ehe er den ersten Fehler gemacht hatte, schlug dieses Monstrum ihm ins Gesicht, dass es richtig krachte.

Und das Tier setzte nach, fragte weiter, und Manfred, immer leiser und weinerlicher werdend, verhaspelte sich immer mehr, machte Fehler um Fehler, erhielt weitere Schläge ins Gesicht und in die Magengrube, bis er weinte, so herzzerreißend, weil so hilflos. Und dann verstieg sich die Bestie noch dazu, loszuschreien, dass dieses ganze Gequatsche von Chancengleichheit und Bildung für alle alles ein ausgemachter Scheiß sei, was man an der Dummheit dieses Püttvolks doch sähe, und er beschloss diesen Satz mit einem Schwinger an Manfreds Kinnlade.

Wie auf ein Startsignal erhoben sich in diesem Moment die hinteren Reihen unserer Klasse, dort, wo die großen und älteren saßen. Ich weiß es noch genau, als sei es ein Film, den ich mir immer wieder in meinem Leben angesehen habe. Die Helden, die als erste aufstanden waren Rainer Kaderka, Jochen Bohnekamp, Alfred Adamski, und Manfred Krain. Dann folgten Ulli Superniok, Theo Untiedt und Klaus Sünnemann. Allmählich erhoben wir uns alle, strebten, ohne ein Wort zum Mittelgang und gingen Unheil verkündend nach vorne, auf die Bestie zu. Es herrschte Totenstille. Und der Instinkt sagte wohl der Bestie, dass Flucht der einzige Weg war, der ihr blieb. War zunächst alles in Zeitlupe und ohne Ton erfolgt, so zuckte der Uhrzeiger plötzlich ganz schnell: Die Bestie sprang zum Kippfenster, schlug es mit dem angewinkelten rechten Arm hoch und sprang kurzerhand in den vor dem Klassenzimmer liegenden Goldfischteich.

Da unsere Schule aus zwei rechtwinklig zueinander stehenden Gebäuden bestand, die alle auf die Teich- und Grünanlage wiesen, sprangen sehr schnell von überall die Fenster auf und wie in einem Land Südamerikas, das gegen das Joch einer Militärdiktatur aufbegehrt, kam nun aus allen Richtungen ein gellendes Pfeifen, ein Trommeln und Scheppern und johlender Applaus.

Diese Ereignis hatte ungeheure Folgen: Lehrerkonferenzen, Elternbesprechungen, Abmahnungen an die ganze Klasse, wobei ich selbst zu den schlimmeren Fällen gezählt wurde, weil ich als aus mir unerfindlichen Gründen als Rädelsführer gehandelt wurde und man mir wie einigen anderen, nach positiven Interventionen für uns bis hoch zum Stadtdirektor, doch nur mit dem Schulverweis drohte, wenn sich so etwas wiederholte. Wir waren alle noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen, aber wir waren stark geworden. Unsere Klasse war von diesem Zeitpunkt an eine Macht. Die schulische Laufbahn der Bestie war nach diesem Ereignis übrigens beendet.

Auch nach dreieinhalb Jahrzehnten hat dieser Film nichts von seiner Qualität eingebüßt. Wenn ich ihn mir anschaue, erlebe ich jedes Detail noch so intensiv wie beim ersten Mal und mein Puls schlägt wie eine Buschtrommel. Und wenn ich danach in die Hall of Fame gehe, dann stehen sie noch da wie damals, die Jungs, die damals aufgestanden sind, so jung, so mutig und so entschlossen, und ich höre ganz genau, wenn ich ganz nah vor ihren Figuren stehe, wie sie mir mit ihren Stimmbruchstimmen zuflüstern: Die Bestie ham wa ausgestoppt. Musste sein, oder? Und dann lachen sie ganze leise, und heiser.