Archiv für den Monat März 2009

„I don´t live today…“ Klaus Theweleit, Rainer Höltschl: Jimi Hendrix. Eine Biographie

Biographien nach klassischem Muster sind geschnitten für mediokre Figuren. Nimmt man große Innovatoren, Charismatiker oder Visionäre mit diesem Mittel ins Blickfeld, so kann die klassische Biographie ziemlichen Unsinn hervorbringen. Da werden schnell einmal Kindheitserlebnisse hoffnungslos überzeichnet, Anekdoten bekommen eine Schlüsselposition oder der überforderte Biograph beschreitet die Korridore der Mystifikation, ohne sich dessen bewusst zu sein. Die Figur des Jimi Hendrix hat seit seinem frühen Tod im Jahr 1970 bereits alle Varianten nach sich gezogen und nur wenigen, die sich an den schon zu Lebzeiten zum Mythos entwickelten Musiker wagten, haben es vermocht, das Werden und Schaffen dieses musikalischen Giganten ohne Verblendung zu beschreiben und einige der vielen Rätsel zu entschlüsseln.

Mit der 2008 erstmals erschienen Biographie von Klaus Theweleit und Rainer Höltschl ist es gelungen, die literarische Form für das zu Beschreibende und Analysierende zu finden. Mit einer Dynamik kleist´scher Dimension, die das Prinzip der vorwärts strebenden Handlung adaptiert und einer Dramaturgie, die die gewöhnlichen Spannungsmomente einer tradierten Biographie ausschließt, entwerfen die Autoren ihren Plan, der der revolutionären Dimension von Hendrix´ Werk sehr gut entspricht.

So beginnt das Buch gleich mit dem tragischen Countdown der letzten Lebensmonate und beschreibt die immer schlechter werdenden Konzertauftritte, weil ein vom Booking gieriger Manager und dem eigenen Schaffensdruck ruinierter junger Mann, der bereits körperlich das Greisenhafte als Vorboten des finalen Endes spürt, einfach nicht mehr kann. Erst danach dringen die Autoren in die Kindheit ein, um mit der Treffsicherheit von Jägern die prägenden Erlebnisse aufspüren, um sich schnell wieder zu entfernen und mit der Entmystifizierung des Produkts Jimi Hendrix zu beginnen. Der Leser erfährt schnell, dass die Bühnenakrobatik des hinter dem Kopf und mit den Zähnen spielenden Gitarristen zum Standardrepertoire eines jeden gehörte, der auf den Tourneen des Chitlin´Circuit im Süden gehörte.

Der Musiker, Komponist, Lyriker und Techniker Jimi Hendrix musste gegen die eigene Produktvorstellung kämpfen, um das machen zu können, wovon er überzeugt war, dass es zu seinem Auftrag gehörte. Nächtelang frickelte er in Studios herum, um den richtigen Sound zu finden, er träumte von Farben und spielte in seiner Vorstellung in diesen und er schrieb Texte, die nicht allein durch den Treibstoff Droge, mit dem er dieses Tempo durchhielt, zu erklären sind. Das Buch macht deutlich, dass Galaxien und Energien das Medium dieses Musikers waren, der mit 27 Jahren und seiner Experience der Welt drei Alben hinterließ, die mit analoger Hörgewohnheit nicht mehr begriffen werden konnten und weit davon entfernt sind, auf digitale Dimensionen reduziert werden zu können.

Das Buch hat mich inspiriert, wieder und wieder einmal ein Stück der Jimi Hendrix Experience anzuhören, weil ich seelisch nur kleine Dosen aushalte. Ich habe mehr davon begriffen, und das ist ein Verdienst der Autoren. Mit meinen Emotionen bleibe ich jedoch alleine, und die haben mir schon immer suggeriert, dass da Energien im Spiel sind, die ich nie werde zu ende fühlen können, between the sun and the bottom of the deep blue sea…

Sarkozy will ethnischen Zensus

Irgendwie wird man den Verdacht nicht los, dass Deutschland auf seinem Weg zur Integration sich zumindest in einem treu bleibt: Es wird auch dort ein deutscher Sonderweg, genauso wie bei Bildung und Erziehung oder bei Kultur und Zivilisation. Es sieht so aus, als komme unsere Nation semantisch mit dem Denken benachbarter Völker nicht so zurecht. Oft ist es ärgerlich, weil es vernebelt statt erhellt, manchmal ist es erklärlich, weil uns alle das Trauma des Faschismus bis heute verfolgt und wir viele Dinge erst gar nicht zu denken wagen, die bei anderen auf der Hand liegen.

Das benachbarte Frankreich ist da in einer ganz anderen Rolle, die revolutionäre Tradition und das historische Paradebeispiel für eine bürgerliche Demokratie macht es unverdächtig. Dessen jetziger Präsident Nicolas Sarkozy ist da noch einmal in einer anderen Position, denn er ist nicht nur Präsident dieser europäischen Mutterdemokratie, nein, er hat auch noch einen Migrationshintergrund.

Daher verwundert es nicht, dass Präsident Sarkozy vor einiger Zeit zumindest den guten Vorsatz hatte, die vielen Migrantinnen und Migranten in seiner Republik verstärkt zu fördern, oder, wie es heute im Fachjargon so seltsam heißt, positiv zu diskriminieren. Damit ist gemeint, dass man in diesem Falle staatlicherseits an dem Grund der Benachteiligung ansetzt und diesen versucht durch gezielte Förderung zu kompensieren.

Um genaue Kenntnisse darüber zu erhalten, wer denn aufgrund seiner Hautfarbe, seiner Ethnie oder anderer rassischer Merkmale diskriminiert wird, hat der Präsident den algerisch stämmigen Juristen Yazid Sabeg damit beauftragt, eine Art ethnischer Statistik zu erstellen, um eine Radiographie der Bevölkerung zu erhalten. Anhand der dort erstellten Landkarte soll untersucht werden, inwieweit zum Beispiel öffentliche Institutionen und Einrichtungen die Diversität der Bevölkerung tatsächlich abbilden. Wenn dem nicht so ist, wie man annehmen muss, dann soll sich daraus die Förderung ethnisch diskriminierter Bürgerinnen und Bürger ableiten.

Wie nicht anders zu erwarten, brach im Lande der immer qualmenden Bastille sogleich eine Debatte darüber aus, ob man mit dieser Art der ethnischen Statistik nicht sogar noch die Diskriminierung aktenkundig mache und zementiere. Renommierte Stimmen verwiesen allerdings darauf, dass Nationen mit großartigen Integrationsleistungen wie die USA und Großbritannien derlei statistisches Material schon lange erhöben und sehr unspektakulär und wirksam damit arbeiteten.

Erstaunlich auch die kritische Differenzierung aus dem Lager der Integrationsbefürworter, die davor warnen, aus dem Bedarf an Integration ein statistisches Zahlenspiel zu machen. Die bekannte arabische Feministin Amara fasste diesen Standpunkt zusammen: „ Der Umstand, schwarz zu sein ist kein Diplom, und arabisch zu sein ist kein Wert an sich. Alle, die dafür plädieren, die Bevölkerung idealtypisch nach der ethnischen Zugehörigkeit zu dokumentieren und daraus eine Integrationspolitik abzuleiten, gefährden das republikanische Projekt.“

Für uns in Deutschland sind das ganz unbekannte Töne, aber es handelt sich ja auch um unsere französischen Nachbarn. Wir sind gut beraten, bei derartigen Fragen genau darauf zu achten, was aus gedachter Arglosigkeit so alles entstehen kann. Herr Berlusconi in Italien hat es nämlich fertig gebracht, aus einem breiter angelegten Ethno-Zensus eine exklusive Zählung der Sinti und Roma zu machen. Und seitdem dienen die erhobenen Daten als Blaupause für jede noch so dümmliche Art der Diskriminierung.

Kumplutt Amrikka!

Sobald etwas Schreckliches passiert und es nicht ins Weltbild passt, vernehmen wir immer wieder den Aufschrei, das ist die Amerikanisierung unserer Gesellschaft, das wollen wir hier nicht, das ist der schlechte Einfluss der Kaugummigesellschaft jenseits des großen Teiches. Besonders zwei Ereignisse der jüngsten Zeit haben diese Reaktion heftig hervorgerufen: Die Weltfinanzkrise und der Amoklauf von Winnenden. In beiden Fällen wurde vor allem aus den verschiedenen politischen, meist aber linkslastigen Lagern diese Karte gespielt. Sehen wir uns die beiden Fälle einmal näher an.

Als im September 2008 die Kurse an der New Yorker Wall Street zu zittern begannen, waren die Ferndiagnostiker in Berlin und Frankfurt sogleich in der Lage, eine derart unkontrollierte und dekadente Entwicklung sei in Deutschland nicht möglich, tja, das sei eben Amerika. Heute wissen wir, dass die Stützungspakete für Hasard spielende Banken in beiden Ländern von der Endsumme her nicht sonderlich weit auseinander liegen, in Bezug auf das Gesamtvolumen der Kapitalzirkulation die staatlichen Stützungsmaßnahmen in Deutschland proportional wesentlich größer sind als in den USA.

Bei dem Amoklauf hieß es sofort, es handele sich um eine deutliche Amerikanisierung unserer Verhältnisse. Fakt ist, dass die USA und Deutschland statistisch gesehen der mit Abstand führende Spitzenreiter sind. Platz 1: USA, Platz 2: Deutschland. Betrachtet man aber die Menge der zivil verfügbaren Waffen in beiden Ländern, dann stellt man fest, dass Deutschland in dieser schrecklichen Entwicklung nicht mehr zu stoppen und einzuholen ist. Hier wie da, in beiden Fällen, bemüht sich eine überforderte Politik um schnelle Sündenbocksuche, wenn das dann gegen die USA geht, umso besser, das passt ins Weltbild.

Das Beschriebene erinnert mich an eine Geschichte, die mir vor Jahren einmal ein Bekannter erzählte, der damals in Kairo lebte. Er wohnte in einem modernen Hochhaus am Nil und hatte jeden Tag mit zwei alten, nahezu zahnlosen, sehr freundlichen Beduinen zu tun, die im Empfang des Hochhauses arbeiteten, einen kleinen Dialog. Immer, wenn etwas in der westlichen Welt passiert war, ob ein politischer Skandal, ein Unglück oder eine Naturkatastrophe, sprachen die beiden Männer meinen Bekannten an und bedeuteten ihm, da sehe man es wieder, Allahs Zorn treffe unbarmherzig den Westen. Mein Bekannter nahm es stoisch hin, er mochte die beiden, und manchmal rauchte man gemeinsam eine Zigarette. Aber, die beiden ließen keine Gelegenheit verstreichen, jedes Mal, wenn es schlechte Nachrichten aus dem Westen gab, deuteten sie es als Allahs großen Unmut.

Eines Tages dann wurde Kairo von einem schrecklichen Sandsturm heimgesucht, der Sachschaden ging in die Millionen, der Verkehr lag lahm und es waren Menschen umgekommen. Auch das Hochhaus meines Bekannten hatte beträchtlich gewankt und es waren Scheiben zu Bruch gegangen. Als mein Bekannter am nächsten Morgen die beiden begrüßte, sprach er sie auf das große Unglück an und fragte, ob der Zorn Allahs jetzt auch die Söhne und Töchter des großen Ägypten getroffen hätte. Daraufhin schüttelten die beiden grinsend und heftig den Kopf und antworteten wie aus der Pistole geschossen: Kumplutt Amrikka!