Samstagsfieber

Als wir an diesem Samstag am späten Vormittag aus dem Schulgebäude strömten und uns in die hinter der Sporthalle liegenden Fahrradständer ergossen, um noch eine zu rauchen, segelte bereits Päule B., unser Kunstlehrer und Meister der Radierung, mit einer mächtigen Schnapsfahne auf seinem viel zu kleinen Fahrrad an uns vorbei und brüllte unter seiner schief sitzenden Baskenmütze zu uns herüber, wir sollten der Avantgarde den Weg frei machen und unsere Eltern nicht wieder am Wochenende enttäuschen. Benno hielt mir eine Reval hin, kniff mir ein Auge zu und meinte, Päule hätte den ganzen Morgen zusammen mit unserem Deutschlehrer Gruske gut Gas gegeben, in seiner Werkstatt hinter dem Kunstsaal, letzterer sei ziemlich auf seinen VW-Käfer zugewankt und schon auf dem Weg nach Münster zu seiner Alten, die sich bestimmt das Wochenende anders vorgestellt habe.

Wir standen in einem Kreis, rauchten und unterhielten uns über unsere Pläne. Bohne, der Hüne, erzählte, er führe mit einem Kumpel nach Dortmund, dort gäbe es eine Diskothek mit Damenwahl, da würde sich mal richtig ausgetobt. Pollux brüllte laut los und bedauerte Bohne, weil er meinte, dass ihn wohl keine Damen ansprächen, weil er ein bisschen dusselig aussähe und er solle nicht so strunzen. Daraufhin schlug ihm Bohne in den Nacken, woraufhin Pollux nur noch lauter lachte und uns ansteckte. Und schon hatten wir das wichtigste Thema eingekreist, denn die Frage, wer am Wochenende eine Frau treffen würde, bewegte uns immer und überall, und das meiste, was erzählt wurde, kam aus dem Reich der Phantasie. So wie wohl Bohnes Geschichte, obwohl er aufgrund von zwei Ehrenrunden älter war als wir und erst kürzlich zugezogen, sodass wir keine Erfahrungswerte über ihn hatten. Die Mädels unserer Schule allerdings fanden ihn abscheulich, die schöne Sabine sagte über ihn, mit seinem dunklen Wuchs sähe er aus wie ein Affe und die von allen Mopedfahrern verehrte Anita meinte, er sei ein dämlicher Johann. So fiel es uns schwer zu glauben, er tauchte im großen Dortmund in einer Disko auf und die Ruhrgebietsmiezen verlören den Verstand, nur weil Bohne mit der dicken Brille eintrat und sich wichtig machte.

„Mensch Bohne, erzähl doch, wie ihr die Sache dann so schaukelt,“ meinte Theo, der immer gutgläubig und skeptisch zugleich war und von dem wir wussten, dass er auf keinen Fall je den Mut gehabt hatte, eine Frau auch nur anzusprechen.
„Der Jupp, mit dem ich da hin fahre, der hat erstmal nen weißen BMW! Wir machen uns ein bisschen schick und dann rauschen wir mit der Kiste vor den Silvermoon und parken direkt vor dem Laden. Das ist schon mal die halbe Miete. Dann gehen wir da lässig rein, erstmal an die Bar und bestellen zwei Fiffi und stecken uns eine an. Der Rest geht wie von selbst!“

„Ich werd nicht mehr“, schrie Pollux, „erzähl doch keinen Scheiß! Im Silvermoon verkehren doch richtig schwere Jungs aus dem Pott und dann kommen Jupp und Bohne mit so ner weißen Viehzüchterschaukel vorgefahren, steigen mit ihren Tortenärschen und Rollkragenpullovern aus, stecken sich an der Theke ne Lux ins ungewaschene Maul und bestellen Coca mit Fuselschnaps und die ganze Erotik des Ruhrgebiets liegt ihnen zu Füßen! Mensch Bohne, erzähl doch kein Stuss! Wahrscheinlich fahrt ihr nach Beckum in die Eisdiele und drückt stundenlang die Equals in der Musikbox und ladet irgendwelche Bauerntrienchen zu so nem türkisfarbenen Eisbecher ein und fühlt euch wie die Kings!“

Und wieder holte Bohne zu einem Schwinger aus, den Pollux aber aushebelte, indem er sich wegduckte, was zur Folge hatte, dass dem dahinter stehenden Brungsbach die Brille von der Nase flog.

„Sach ma Bohne, hast du noch alle Schweine im Rennen?“ schrie dieser den Missetäter an, „Wat kann ich dafür, dat du hier mit deine Märchen auffliegst?“
Jetzt wurde es Bohne so langsam zuviel. „Komm mir jetzt bloß nicht auch noch blöd Brungsbach, sonst gibt’s erst so richtig was in die Schnauze! Außerdem hab ich keine Lust, mit so Zipfelmützen wie euch meine Zeit hier zu verplempern! Guckt ihr mal schön morgen Abend den goldenen Schuss mit Vico Toriani, während ich im Silvermoon das Ruhrgebiet entjungfere!“ Sprachs, schnappte seine speckige Ledertasche, sprang recht ungraziös über den Fahrradständer und verschwand unter lautem Gejohle.

„So Unrecht hat er ja nicht, meinte der dicke Ballauf. Irgendwie is Wochenende doch immer scheiße. Nix los, Glotze und dreimal am Tach mit den Alten essen.“
„Ja, Dicker“, meldete sich Olli zu Wort, „ dann hau doch mal auf den Tisch und mach ne Ansage!“
„Ja, wat denn, du Klugscheißer?“
Jetzt schaltete sich Brungsbach wieder ein:
„Mensch Dicken, bis du blöd? Sach ma deine Mammi, du hättest eine Braut in der Zechensiedlung und die wollte dich heute Nacht im Reihenhaus vorm Pütt mal testen, bevor se sich mit dich verlobt!“

Wir juchten vor Freude, war der Dicke doch Sohn des Stadtdirektors und seine Mutter als eine Furie bekannt, der nichts gut genug für ihren Prinzensohn war.
„Und wenn deine Alte zickt, sach ruhig, du hättest die Kleine schon zwei, dreima aufe Kirmes geknutscht und könntest jetz nich mehr zurück!“
„Brungsbach, du bist doch völlig bekloppt, dir ist wirklich nicht mehr zu helfen“, so der Dicke, ohne dass ihm irgendeine andere Antwort einfiel.
„Ich jedenfalls,“ so meldete sich nun Alfred, werde heute Fußball spielen, dann höre ich Bundesliga im Radio, Sonntagmorgen spiel ich wieder selber und nachmittags geh ich zum ASV, das Wochenende ist gerettet“.

Nun meldete sich wieder Pollux zu Wort, „Mensch Alfred, treibs nicht zu doll, du siehst ja jetzt schon aus wie ein lebender Rasenmäher, guck dir mal deine Beine an! Und deine Frisur ist eh schon wie ein englischer Rasen!“
„Dann hat der Dicke“, schrie jetzt Brungsbach, „ne englische Hecke aufm Kopp!“

In dem Moment näherten sich drei aus der Mädchenklasse, die Sport gehabt hatten und etwas später dran waren. Ganz plötzlich wurde es still und wir rauchten ganz lässig unsere Revals.

„Na Jungs“, meinte die Langbeinige in der Mitte, „alles klar zum Wochenende?“.
„Wenn ihr mit uns mitkommt“, konterte Benno, „dann kann nichts mehr schief gehen:“
„Geht leider nicht,“ kam prompt die Antwort, „wir sind bei Bernhard im Partykeller, der macht heute ein kleines Fest.“
„Denn braucht ihr ja keine Schlaftabletten, bei dem feurigen Elias geht´s bestimmt zur Sache!“ bäumte sich Benno nochmals auf, doch die drei Schönen hatten uns schon längst hinter sich gelassen, lachten jetzt nur noch dämlich und drehten sich ein letztes Mal um, um uns die Zunge raus zu strecken.
„Gott sei Dank hab ich den Fußball“, kommentierte Alfred das gerade Erlebte und irgendwie mochte ihm keiner widersprechen. Außer dass wir alle noch ein bisschen über den blonden Bernhard mit seinem Partykeller lästerten, den Honigmann, der alles hatte, ein Musterschüler war und den wir nur nicht in der Pause verdroschen, weil er ein kränklicher Typ war und immer irgend etwas hatte.

Nachdem wir unsere Kippen in den Vorgarten des immer schreienden Hausmeisters geschnippt hatten, wünschten wir uns ein schönes Wochenende und gingen unserer Wege. Ich lief direkt am Stadion entlang, wo auch ich am Sonntag das Spiel des ASV sehen wollte, bog dann ab in die Allee, auf der ich noch zirka zehn Minuten zu laufen hatte, bevor ich zuhause war. Immer wieder rasten Schüler auf ihren Fahrrädern an mir vorbei, manche grüßten oder klopften mir beim Vorbeifahren auf die Schulter. Karl Schnitzmeier, der Wirt vom Nordstern, stand rauchend vor seiner Kneipe und nickte mir zu, schräg gegenüber kam Frau Wilmes aus dem Metzgerladen und Theo Siggemann verschwand beim benachbarten Frisör.

Zuhause angekommen, warf ich meine Schultasche in den Flur und lief in die Küche, wo meine Tante saß und mir sogleich Kartoffelsalat und Bockwürste auftischte und fragte, ob ich es für heute auch geschafft hatte. Ich bejahte und verschlang alles auf dem vor mir stehenden Teller.
„Außerdem musst du jetzt nicht mehr beim Kundendienst helfen, der Jupp hat schon alles erledigt“ informierte mich meine Tante. „Dein Vater hat mich gebeten, es dir auszurichten, bevor er in die Sauna ist. Du darfst weg, sollst heute Abend aber nicht zu spät zurück sein.“
Ich aß noch schneller und war in wenigen Minuten fertig. Holte meine Jacke, steckte Geld und Zigaretten ein und schon war ich wieder auf der Allee, um Autos anzutrampen, um aus der Stadt zu meinem Ziel in fünfundzwanzig Kilometern Entfernung zu kommen. Ich hatte mich auf Verdacht mit meinem Kumpel vom See verabredet, der dort zur Schule ging und hinterher samstags immer noch in dem Jugendcafé „Pot“ am Fluss anzutreffen war. Dass der Schuppen nur mit einem T geschrieben wurde, sahen alle Pfahlbürger der bornierten Nachbarschaft als Dummheit der Jugendlichen an, ohne zu bemerken, dass sie es waren, die dort auf den Arm genommen wurden.

Die Flucht aus meiner Stadt, und waren es nur wenige Stunden, waren das einzige, was mich die Woche über aufrecht hielt. Ich empfand die Atmosphäre und alles dort, den Trott, die Routine, die Verbohrtheit und die Ignoranz als unerträglich, ohne dass ich hätte groß mit Worten ausdrücken können, was es eigentlich war. Immer umschlich mich eine tiefe Trauer, vor allem, wenn ich mich langweilte, weil ich nichts zu tun hatte. Dann wurde es besonders schlimm, denn ich hatte Zeit zum Nachdenken, was allerdings zu nichts führte, außer dass ich mir unendlich verloren vorkam in einer Welt ohne Sinn.

Umso mehr trieb es mich an, raus zu kommen aus der Stadt, an andere Orte, wo ich bereits andere Freunde hatte, die alle irgendwie ein wenig weiter waren und die den ganzen Stumpfsinn, der auch sie umgab, in Worte fassen konnten.

Ich schlenderte die Allee bis zum Farbengeschäft Stricker, von wo aus die Wahrscheinlichkeit größer war, dass überhaupt jemand die Stadt mit dem Auto verließ und nicht doch irgendwo vorher abbog, um nur die Oma zu besuchen oder Einkaufen zu gehen. Samstagmittags herrschte reger Verkehr und es dauerte nicht lange, bis der erste Wagen anhielt. Und ich hatte Glück, es war der Bruder eines entfernten Bekannten mit seiner Ente, der eine selbst gedrehte Zigarette im Mundwinkel hatte und zurück zur Universität wollte, die ihn durch den Ort führte, in dem der „Pot“ lag. Er ließ mich einsteigen und wir zuckelten dann ganz gemächlich durch die Gegend, der Typ war ganz nett, aber irgendwie auch ein bisschen durch den Wind, alles fand er bärenstark oder affengeil, jovel oder knorke, er hatte lange Haare, trug eine Nickelbrille und seine rechten Zeige- und Mittelfinger waren vom Rauchen dunkelgelb. Der Tabak, den er rauchte, roch nach verbrannter Baumwolle. Unter dem Aschenbecher hing ein völlig abgenudelter Cassettenrecorder, auf den er immer wieder mal einschlug, wenn er stotterte oder streikte und aus dem ein entsetzliches Gedudel drang.

Da ich ein weit bereister Tramper war, wusste ich natürlich, wie man Gespräche mit denen führte, von deren gutem Willen es abhing, wie schnell man sein Reiseziel erreichte und so fragte ich den Typen auch, was das denn für eine wahnsinnige Musik sei. „Livin´Bllues! Das ist das Größte, ich sag dir, der hat ne Transzendenz in seiner Gitarre, das gibts gar nicht.“ Spätestens jetzt hielt ich den Typen für total meschugge, tat aber so, als hätte er mich soeben erleuchtet. Wir zuckelten von Dorf zu Dorf, und in jeder Ortschaft steckte er sich eine neue Zigarette an und hörte nicht auf zu reden.

„Soziologie, ich sag dir, das ist das Fach, mit dem du alles erklären kannst. Die gesellschaftlichen Verhältnisse sind der Schlüssel zur Erklärung der menschlichen Existenz! Nichts, was sich da nicht zeigen würde. Hast du zum Beispiel gewusst, das psychische Verhaltensweisen in bestimmte soziologische Muster münden?“

„Nee!“ antwortete ich, ohne zu wissen, worüber er nun sprach. Für meine Verhältnisse war der Typ doch ärmer dran, als ich dachte.
„Doch, doch! Ich bin da gerade in einem Seminar, wo das genau erklärt wird!“

Ich versuchte, durch eine interessierte Miene und Nachfragen an der richtigen Stelle, ihn in seinem Redeschwall zu halten und hoffte, dass er nicht noch anfing, mir unangenehme Fragen zu stellen, die ich nicht beantworten konnte.
Als wir schließlich den Ort erreichten, ließ ich ihn an der erstbesten Kreuzung anhalten, obwohl er protestierte und mir anbot, mich bis zum „Pot“ zu bringen. Ich log irgendwas zusammen, ich müsse noch kurz hier in der Gegend was abgeben und war heilfroh, als ich aus dem versifften Aschenbecher mit dem neunmalklugen Fahrer aussteigen konnte.

Mit der Zeit hatte ich eine Typologie derer entwickelt, die mich beim Trampen mitnahmen. Da waren die Neugierigen, die einen ständig ausfragten wie bei einem Verhör, dann die Schweigsamen, die immer sehr konzentriert in den Rückspiegel sahen, die halbwegs Normalen, mit denen man sich unterhalten konnte oder auch nicht, je nach beidseitiger Laune, und dann die Mitteilsamen, die meinten, sie hätten die Weisheit mit Schaumlöffeln gefressen und sie müssten einem die Welt erklären. So einer fuhr jetzt in seiner weinroten Ente weiter und ich spazierte in aller Ruhe in Richtung „Pot“.

Als ich über den mittelalterlichen Marktplatz schlenderte und mich damit meinem Ziel näherte, blickte ich herauf zur Uhr der Laurentiuskirche und sah, dass es bereits halb Drei war und las den Spruch, den mir mein Freund, der aufs Gymnasium ging und dort Latein lernte, übersetzt hatte: Una Tua Erit, Eine wird Deine sein! Weil ich diesen Satz als Bedrohung empfand, beschleunigte ich meinen Schritt, ließ die Kirche hinter mir und war bald in der Gasse am Fluss und betrat den „Pot“.

Wie immer war es ziemlich dunkel, Tageslicht schien nur durch eine grüne Scheibe am Ende des Schlauchs. An den Tischen saßen Junge Leute, spielten Schach oder Mühle und unterhielten sich dabei. Es rauchten fast alle und meistens selbst Gedrehte, was einen Geruch erzeugte, der an brennende Felder erinnerte. Mein Freund saß in einer der Bänke und winkte mir zu. Er hatte eine Langspielplatte auf dem Schoß und zeigte mir sie gleich sehr stolz. Es war Axis: Bold as Love von Jimi Hendrix und ich wurde sogleich nervös, weil ich sie hören wollte.

„Jetzt mal nicht gleich so fickerig, Junge, ich hab schon mit Sklave gesprochen, er hat mir gesagt, er legt sie auf, wenn der Kindergarten weg ist.“
Ich wusste, dass Sklave der Typ genannt wurde, der samstags die Platten auflegte und mit dem Kindergarten meinten sie die meisten Mädels, die noch da waren. Im Gegensatz zu meinen Schulfreunden in meiner Stadt, bei denen sich alles um die Mädels drehte und jede Platte, jedes Moped und jede neue Frisur ausschließlich dazu dienten, die eigenen Chancen zu erhöhen, um mit Sabine, Anita oder Monika mal irgendwo hin gehen zu können, war es beim Publikum im Pot anders. Da galten die Mädels als eher geistig und kulturell minderbemittelt, weil sie so genannte kommerzielle Musik hörten und eigentlich keine Ahnung hatten. Ich selbst hatte schon einmal miterlebt, wie eine sehr hübsche Blondine den Sklaven gefragt hatte, ob er die Beatles auflegen könne und er mit einer Stimme, die nicht hätte verächtlicher sein können geantwortet hatte: „Wenn du tanzen willst, schöne Maid, dann musst du aufs Schützenfest gehen!“ Es kam einer Exekution gleich.

Überhaupt unterschieden sich die Welten sehr, obwohl zwischen diesen beiden Städten nur fünfundzwanzig Kilometer lagen. Meine Freunde in der Schule hörten lieber harten Rock, spielten mit den Muskeln, fuhren Moped, tranken Bier und interessierten sich für Frauen und hier, etwas weiter nördlich, die Freunde meines Freundes, hörten experimentelle Musik, waren eher schlaksig, trugen Brillen, rauchten Selbstgedrehte, tranken Tee und hatten immer so einen arroganten, herablassenden näselnden Unterton. Mir ging es eigentlich nur um meinen Freund, den ich im Sommer regelmäßig am See traf, wo wiederum andere Gesetze herrschten, nämlich die unseren. Wir trafen uns nur manchmal hier im Pot, weil es in der Mitte lag und er hier zur Schule ging. Dennoch beeindruckte mich immer wieder die Musik, die hier aufgelegt wurde. Es war für mich eine neue Welt, die mich ansprach, weil sie schlicht und ergreifend anders war als mein grauer Alltag.
Wir tranken den furchtbaren Tee, rauchten und unterhielten uns über unsere gemeinsamen Bekannten vom See, die wir im Winter kaum sahen und die genauso wie wir irgendwo in Dortmund, Münster oder Bielefeld ungeduldig darauf warteten, dass der Frühling kam und wir uns an den Wochenenden wieder treffen konnten. Irgendwann gingen dann auch die Mädels und Sklave am Plattenspieler rieb sich schon freudig die Hände. Er nahm die Hendrix-Langspielplatte in Empfang und legte sie andächtig auf den Plattenteller, hob vorsichtig den Arm und setzte ihn ab. Als die ersten Klänge zu hören waren, wurde es ganz still im Pot. Und plötzlich roch es auch danach. Niemand unterhielt sich mehr, alles lauschte und wir sahen uns bedeutungsvoll an. Ich hatte noch das Album Are You Experienced im Kopf und tat mich deshalb ein wenig schwer mit dem einen oder anderen Stück, aber mir war sehr schnell klar, dass wieder eine Musik entstanden war, die nicht nur neu, sondern revolutionär war. Von den Texten verstand ich nur Bruchstücke und ich hütete mich, in diesem Kreis danach zu fragen, blickten diese gescheiten Gymnasiasten doch alle sehr intelligent hinter ihren Nickelbrillen hervor. Was mir im Kopf blieb war der Vers castles made of sand fall into the sea, eventually…

Als es immer dunkler im Pot wurde, verabschiedete ich mich von meinem Freund, weil ich zum Abendessen zurück sein musste. Ich schlenderte wieder an dem unheilvollen Kirchturm vorbei, lief über den mittelalterlichen Markt, kam an dem Furcht einflößenden Laurentianum vorbei, in welchem die Pot-Insassen zumeist zur Schule gingen und erreichte die Hauptstraße Richtung Süden, wo ich in der Dämmerung den Daumen heraushielt. Zwar fuhren noch genügend Autos, aber keines hielt an. Es wurde nicht nur dunkel, sondern es begann auch zu winden und später zu regnen. Da ich nicht auf Regen eingestellt war, wurde ich nass und meine Chancen, eine Mitfahrgelegenheit zu bekommen sanken dramatisch. Mehr als eine Stunde musste ich warten, bis mich ein Lieferwagen mitnahm. Er fuhr zu einer Bauernkneipe cirka fünf Kilometer vor meiner Stadt. Als wir dort ankamen, ging ich mit hinein. Es roch nach Stall, an der Theke standen zwei Typen, die sich die Sportschau ansahen und das Bier zapfte eine dicke Blonde in einem weißen Küchenkittel. Ich bestellte mir ein Pils und eine Mettwurst und fragte, ob ich mal telefonieren könne.

„Klar, komm hinter de Theke, siehste ja, wos steht, koss zwanzich Pfennich.“ Ich drehte die schwarze Wählscheibe und rief zuhause an. Mein Vater nahm nach kurzer Zeit ab. „Ich bin in Friekens, hoffe, mich nimmt gleich einer mit, wollte nur, dass du weißt, wo ich bin!“
„Ist gut, gleich kommt Schalke, machs gut.“ Und er legte auf.
Einer der Sportschaugucker vorm Tresen hatte zugehört und sagte, „Nache Sportschau kann ich dich mitnehmen, fahr bis zur Nordstraße. Wenne wills kanns noch in Ruhe n Pilsken trinken, dann chait dat los!“
„Tofte!“ gab ich zurück und zögerte auch nicht, seinem Rat zu folgen und nickte der Dicken mit ihrem Wasserstoffdutt zu. Zischend kam das Pils aus der Leitung und ich sah mir an, wie Manni Kreuz einen Elfer in die Maschen haute. Das hob kurzfristig meine Stimmung. Bis wir fuhren waren es drei Pils, weil mein Chauffeur meinte, er müsste noch einen Piccolo mit der dicken Küchenschürze trinken.

Der Typ fuhr einen alten Mercedes Diesel, der auch im Innenraum nach Treibstoff roch. Außerdem stank er sehr stark nach Schnaps. Es regnete wieder und dauerte zum Glück auch nicht mehr lange, bis er mich in der Nordstraße, wo ich auch wohnte, herausschmiss. Zuhause angekommen, ging ich gleich in die Küche, machte mir ein paar Brote mit Schinken, holte Gurken aus dem Keramikfass und gesellte mich zu meinem Vater ins Wohnzimmer. Wir unterhielten uns noch etwas über den Spieltag, er fragte mich, was ich gemacht hätte und wie es meinem Freund ginge. Wir sahen noch einen Film zusammen und dann ging ich ins Bett.

Draußen regnete es jetzt in Strömen und Windböen drückten im Hof immer wieder heftig gegen das große Tor. Lange noch lag ich wach, ich dachte an Sandschlösser, die allmählich im Meer versinken träumte vom nächsten Sommer.

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