Schalke, den Propheten Mohammed verhöhnend?

Von der Dramaturgie passt die Geschichte in die Hundstage. Dann, wenn die Leute ihre Ruhe haben wollen, wenn sie sich einmal entspannen wollen von den ganzen Regelwerken des Handelns und Denkens, genau in dieser Zeitzone passieren zuweilen Dinge, die dann doch für Aufregung sorgen. Wenige Tage vor Beginn der neuen Bundesligasaison hat es den FC Schalke 04 erwischt. Es ist weder ein spektakulärer Transfer, noch ist es ein Spielerskandal oder sonst irgendetwas von dem, woran besonders dieser große Traditionsclub so reich ist. Nein, die Schockwelle geht aus von dem Vereinslied, das im Jahr 1924 entstand.

In der dritten Stufe der Hymne nämlich heißt es „Mohammed war ein Prophet, der vom Fußballspielen nichts versteht. Doch aus all der schönen Farbenpracht hat er sich das Blau und Weiße ausgedacht.“ Nicht, dass die Kritik aus den eigenen Reihen gekommen wäre und das Epigonale in Bezug auf ein Märchen aus 1001 Nacht bemängelt hätte, denn so ist das ja wohl in positivem Sinne zu verstehen. Nein, empörte Muslime und türkische Medien sehen darin eine Verhöhnung des Propheten Mohammed. Da heißt es zunächst einmal durchatmen, weil das ein Anwurf ist, den man als Abendländer zunächst so nicht versteht. Denn, wie angedeutet, die immanente Logik und die semantische Konnotation ist sehr positiv, schließlich lieben die Schalker ihr Blau und Weiß, und das glauben sie dem Propheten Mohammed zu verdanken. Mal abgesehen davon, dass es sich dabei um die reine Fabulierung handelt, denn bekanntlich ist die Farbe des Islam das Grün.

Aber darum geht es nicht. Worüber wir uns Gedanken machen sollten, ist die Frage, ob wir wieder einmal mit ansehen wollen, wie durch gezielte Propagandaaktionen eine Zensur eingeführt wird, die auftritt wie die geistige Scharia. In der Bundesrepublik herrscht eine Verfassung, in der die Meinungsfreiheit ebenso garantiert ist wie die Würde des Menschen und der Schutz gegen Diskriminierung. Wenn jemand seine Würde und seinen ausgeübten Glauben verletzt sieht, dann sollte er dies zur Anzeige bringen und der Justiz ihren Lauf lassen. Propagandaaktionen nach totalitärem Muster sind im eigenen Land suspekt, von außen gar nicht hinnehmbar. Die Trivialität des beanstandeten Sachverhaltes lässt darauf schließen, dass im Sommerloch einer Strategie gefolgt wird, die Aufmerksamkeit erregen und zudem dazu führen soll, die Meinungsfreiheit gewaltig einzudämmen. Denn die Aktion reicht weiter, schließlich geht es bei einer Vereinshymne nicht um justiziable Vertragsdokumente, sondern – zugegebenermaßen stark restringierte – Poesie. Die Attacke aus islamisch-dogmatischem Lager ist ein Angriff auf die dichterische Freiheit, ein Vorstoß, wie wir ihn bis heute hier noch nicht erlebt haben.

Der Charme einer auf einem Rechtssystem fußenden Toleranz besteht darin, dass die Grundzüge des respektablen Miteinanders eindeutig geklärt sind. Das Paradigma der Toleranz besteht jeweils nur solange, wie es gelingt, die Toleranz selbst zu verteidigen gegen diejenigen, die sowieso nichts mit ihr im Sinn haben. Der Dogmatismus, egal welcher Couleur, hat kein Recht, die Grenzen der Toleranz zu definieren. Und Schalke bleibt Schalke!

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