Am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat…

Viele der im letzten Jahrtausend Geborenen werden sich sogar noch daran erinnern, dass ihre Mütter und Väter mit Lohntüten nach Hause kamen. Den Lohn gab es in Scheinen, die in Kuverts steckten. Nicht selten warteten Frauen vor den Werkstoren, um sich von ihren Männern, die mit den Kuverts vom Werkgelände kamen, zumindest das Geld geben zu lassen, dass sie brauchten, um den Haushalt führen und die Kinder ernähren zu können, während die Männer mit den Kuverts in den nahe gelegenen Kneipen verschwanden, um angelaufene Deckel zu bezahlen und gegebenenfalls neue zu machen. Was ausgezahlt wurde, bestimmten oft noch patriarchalische Unternehmer und nicht selten hörte man den Satz, dass sich am Lohntag zeige, wer gebummelt habe.

Wenige Jahrzehnte später gibt es Online Banking, alles ist kabellos, die Kommunikation global und viele Geschäftsabwicklungen virtuell. Was die Menschen, die in wenigen Jahrzehnten Veränderungen in ihren Lebens- und Arbeitsbeziehungen erlebt haben, die sie in ihrer Jugend noch als Science Fiction abgetan hätten, wenn man ihnen das erzählt hätte, was diese Menschen an Anpassungs- und Lernleistungen vollbracht haben, ist nahezu olympisch. Diejenigen, die diese rapiden Veränderungen überstanden und gemeistert haben, können auf eine beachtliche Lebensleistung zurückblicken.

So blitzgescheit der homo sapiens zum einen ist, so schwer tut er sich, was die Umstellung der Emotionen und Verhaltensweisen anbetrifft. Was eine Generation intellektuell alles verkraftet, brauchen die nächsten drei, um es im emotionalen und sozialen Bereich einigermaßen anzupassen. Da wir jedoch in Zeiten der Beschleunigung leben, wird die Kluft zwischen Begreifen und Leben, sprich zwischen Kopf und Bauch immer größer. Noch heute ernähren sich die New Yorker Banker von Art und Rhythmus her wie die Farmer, die vor 200 Jahren ins Land kamen und vieles, was auf den Kriegsschauplätzen des Balkan geschah, sah aus wie eine historische Dokumentation aus dem dreißigjährigen Krieg. Es dauerte auch bis zur Jahrtausendwende, dass die Kollektivsymbolik, die mehrheitlich aus Bildern des II. Weltkrieges gespeist war, durch die des digitalen Zeitalters ersetzt wurde. Im Grunde genommen ist es nicht riskant zu formulieren, dass das Gewohnheitstier Mensch emotional und sozial immer hinter seiner geistigen Reife zurückbleibt.

Die Kluft zwischen technischer Innovation und ihrer gesellschaftlichen Domestizierung ist die Gefahr, die der Fortschritt ständig von neuem produziert. Ob es Energie- und Vernichtungsformen sind oder schlichte Unterhaltungselektronik, die Technik an sich zerstört mit ihrer unreifen Applikation durch die Zeitgenossen immer auch das, was sie hervorgebracht hat. Daraus den Schluss zu ziehen, die Technik, dieses artifizielle Produkt des menschlichen Geistes, an sich wäre etwas schlechtes, zeigt eher, das bei manchen neben der Emotion auch der Geist nicht Schritt hält. Nur ist es an der Zeit, in einer Welt, in der es um ein globales Immundesign geht, die Frage nach Befähigungsstrategien, die uns unterstützen, mit unserem eigenen Erkenntniszuwachs auch umgehen zu können, mit einer ganz anderen Vehemenz stellen zu müssen.