Archiv für den Monat September 2009

Am Lohntag wird sich zeigen, wer gebummelt hat…

Viele der im letzten Jahrtausend Geborenen werden sich sogar noch daran erinnern, dass ihre Mütter und Väter mit Lohntüten nach Hause kamen. Den Lohn gab es in Scheinen, die in Kuverts steckten. Nicht selten warteten Frauen vor den Werkstoren, um sich von ihren Männern, die mit den Kuverts vom Werkgelände kamen, zumindest das Geld geben zu lassen, dass sie brauchten, um den Haushalt führen und die Kinder ernähren zu können, während die Männer mit den Kuverts in den nahe gelegenen Kneipen verschwanden, um angelaufene Deckel zu bezahlen und gegebenenfalls neue zu machen. Was ausgezahlt wurde, bestimmten oft noch patriarchalische Unternehmer und nicht selten hörte man den Satz, dass sich am Lohntag zeige, wer gebummelt habe.

Wenige Jahrzehnte später gibt es Online Banking, alles ist kabellos, die Kommunikation global und viele Geschäftsabwicklungen virtuell. Was die Menschen, die in wenigen Jahrzehnten Veränderungen in ihren Lebens- und Arbeitsbeziehungen erlebt haben, die sie in ihrer Jugend noch als Science Fiction abgetan hätten, wenn man ihnen das erzählt hätte, was diese Menschen an Anpassungs- und Lernleistungen vollbracht haben, ist nahezu olympisch. Diejenigen, die diese rapiden Veränderungen überstanden und gemeistert haben, können auf eine beachtliche Lebensleistung zurückblicken.

So blitzgescheit der homo sapiens zum einen ist, so schwer tut er sich, was die Umstellung der Emotionen und Verhaltensweisen anbetrifft. Was eine Generation intellektuell alles verkraftet, brauchen die nächsten drei, um es im emotionalen und sozialen Bereich einigermaßen anzupassen. Da wir jedoch in Zeiten der Beschleunigung leben, wird die Kluft zwischen Begreifen und Leben, sprich zwischen Kopf und Bauch immer größer. Noch heute ernähren sich die New Yorker Banker von Art und Rhythmus her wie die Farmer, die vor 200 Jahren ins Land kamen und vieles, was auf den Kriegsschauplätzen des Balkan geschah, sah aus wie eine historische Dokumentation aus dem dreißigjährigen Krieg. Es dauerte auch bis zur Jahrtausendwende, dass die Kollektivsymbolik, die mehrheitlich aus Bildern des II. Weltkrieges gespeist war, durch die des digitalen Zeitalters ersetzt wurde. Im Grunde genommen ist es nicht riskant zu formulieren, dass das Gewohnheitstier Mensch emotional und sozial immer hinter seiner geistigen Reife zurückbleibt.

Die Kluft zwischen technischer Innovation und ihrer gesellschaftlichen Domestizierung ist die Gefahr, die der Fortschritt ständig von neuem produziert. Ob es Energie- und Vernichtungsformen sind oder schlichte Unterhaltungselektronik, die Technik an sich zerstört mit ihrer unreifen Applikation durch die Zeitgenossen immer auch das, was sie hervorgebracht hat. Daraus den Schluss zu ziehen, die Technik, dieses artifizielle Produkt des menschlichen Geistes, an sich wäre etwas schlechtes, zeigt eher, das bei manchen neben der Emotion auch der Geist nicht Schritt hält. Nur ist es an der Zeit, in einer Welt, in der es um ein globales Immundesign geht, die Frage nach Befähigungsstrategien, die uns unterstützen, mit unserem eigenen Erkenntniszuwachs auch umgehen zu können, mit einer ganz anderen Vehemenz stellen zu müssen.

Der tendenzielle Fall der Longitudinale

Als ein Spezifikum der jetzigen Phase der Globalisierung wird sicherlich einmal ein Phänomen in die Geschichte eingehen, dass es in dieser Dimension vorher nicht gegeben hat: Die Erlebbarkeit von ahistorischer Synchronität. Mit der weltweiten physischen wie virtuellen Infrastruktur ist es uns möglich geworden, gleichzeitig im Hier und Jetzt der eigenen Zivilisation zu existieren und dennoch entlegene und anderen historischen Phasen und Kulturkreisen angehörende Zivilisationsstufen zu erfahren. Das ist eine höchst spannende Angelegenheit und ermöglicht es uns, Gesellschaften und ihre verschiedenen Sozialisationsstufen nicht nur im statischen Querschnitt, sondern auch in ihrem chronologischen Verlauf quasi wie unter dem Mikroskop zu beobachten. Das, was man derartig erleben kann, sind Phänomene hoch abstrakter Natur.

Menschen, die in unseren Zeiten weit herum kommen, berichten davon, dass sie in den Gebieten und Megastädten, in denen momentan quantitativ und qualitativ die größten Entwicklungen zu verzeichnen sind, Phänomene beobachtet haben, die sie eigentlich mehr in ihren eigenen Hochzivilisationen erlebt zu haben glaubten. Eines der herausragenden dieser Phänomene ist die Freiheit. Es decken sich die Beobachtungen, dass die individuelle Freiheit, die in den verrechtlichten Hochzivilisation beheimatet zu sein glaubte, in ganz anderen Auswüchsen in den Megametropolen der Dritten Welt und der Schwellenländer existiert. Nirgendwo fühlten sich gerade Mitglieder der zivilisierteren Welt so frei wie dort. In den gesetzten Rechtsstaatsgebilden hingegen wird ein wesentlich höherer Ordnungsgrad beobachtet, der nicht selten als Segen empfunden wird, weil er Gefahren minimiert, die Ästhetik erhöht und die Orientierung erleichtert. Und es fällt auf, dass wir ein Wechselverhältnis von formalisierter Zivilisation und Ordnung sowie ein Pendant von Anarchie und Freiheit zu verzeichnen haben. Je zivilisierter die Welt, desto mehr expandiert die Bürokratie, die die Formalisierung des Rechts begleitet und je weniger formalisierte Rechtszustände herrschen, desto größer die individuelle Freiheit.

Der Prozess der Zivilisation erscheint sofern als ein Prozess wachsender Gerechtigkeit, bei gleichzeitiger Minimierung der Freiheit. Der Schrei nach Gerechtigkeit, wie wir ihn heute in jedem Kontext unserer Gesellschaft vernehmen, mutiert somit zu einer Art letztem Wunsch, die nicht mehr spürbare Freiheit zumindest noch einmal betrachtet zu dürfen, wenn einem schon das Betasten verboten ist. Die Freiheit, in den höchst beglückenden Augenblicken der frühen Aufklärung als Longitudinale des Glücks bezeichnet, scheint somit tatsächlich so etwas zu sein wie der rousseau´sche Urzustand der größtmöglichen Erfüllung. Mit dem Wachsen der Zivilisation nimmt der Grad der Freiheit ab, er fällt quasi tendenziell, aber er gibt als Pfandschein die Gerechtigkeitspolice zurück an den Inhaber. Der Verlust der Freiheit ist bezahlt mit dem bürokratischen Gleichmaß und einer Gerechtigkeit in Unterreizung. Die wilde, ursprüngliche Freiheit, scheint in ihren Biotopen hingegen nur ein Glückszustand für diejenigen zu sein, die in der Lage sind, sich als Alphatiere durchzusetzen. Der tendenzielle Fall der Longitudinale ist die Ent-Abenteuerung der Welt und erhöht die Überlebenschance der Beta-Tiere ganz dramatisch, während die Alphadogs an Langeweile sterben.

Zur Lage der arbeitenden Klasse in der Kreativwirtschaft

Der Kapitalismus gewann seine Kraft durch die Freisetzung ungeheurer Produktivkräfte. Voraussetzung dafür war eine von Scholle, Eigentum und Familie befreite Menschenmasse, die völlig pauperisiert zu den Standorten strömte, wo die Produktionsanlagen installiert waren. Sie hatten nichts außer ihrer Arbeitskraft, die sie zu jedem Preis anboten, weil sie keinerlei Alternative hatten. Gefragt war Muskelkraft und Disziplin, um in den frühen Industrialisierungsprozessen bestehen zu können. Erst das massenhafte Schicksal der Ausplünderung und die branchenspezifische wie lokale Konzentration machte es den so ausgebeuteten möglich, sich gegenüber der Übermacht zu organisieren und Preise für ihre Arbeitskraft zu erzielen, die ein soziales Dasein sicherten.

Das ist lange her und hat immer wieder neue Wellen nach sich gezogen. Mit jeder Branche und jeder neuen Qualität. Bei der heute wegen ihrer ungeheuren Wachstumsraten gepriesenen Kreativwirtschaft ist das leider nicht anders. Ob Grafik und Design, ob Medien, ob Musik oder Beratung, die neue Boombranche fasziniert durch ihren Ideenreichtum, ihre Phantasie, ihre Flexibilität und ihre nie ausgehende Juvenilität. Voraussetzung dafür sind jedoch meistens Verhältnisse, die von den Arbeitsbedingungen wie vom Einkommen erinnern an die miesesten Drückerexistenzen, an Reinigungskolonnen und an Zeitarbeitskohorten, die zu jedem Dumpingpreis in die Nischen vorkapitalistischer Beschäftigungsverhältnisse geschickt werden. Der Charme der geistigen Produkte ist erkauft durch die Illusion vieler hoch qualifizierter junger Menschen, ihre Kreativität in extrem individualisierten Arbeitsverhältnissen ausleben zu können. Doch es bleibt bei einer Illusion und bei einem Traum. Zumeist haben sie ein abgeschlossenes Hochschulstudium, schuften 70 bis 90 Stunden in der Woche und verdienen mit etwas Glück soviel wie eine Verkäuferin an der Backtheke. Zumeist sind es junge Frauen, deren Hang zur Selbstausbeutung ungezügelt ist. Das Stück Fleisch, das ihnen vor die Nase gehalten wird, ist die Partnerschaft in den zumeist kleinen und mittelständischen Unternehmen. Etwa 5 Prozent der dort Beschäftigten machen den Sprung, der Rest brennt früh aus und muss die Illusion zu einem hohen Preis, nämlich der Schädigung an Gesundheit und Selbstbewusstsein begraben.

Nicht gerade selten sind es die Unternehmen eben dieser Kreativwirtschaft, die mit Leistungen und Produkten für Nachhaltigkeit, Ressourcenschutz, Ökologie und Political Correctness auf den Markt treten. Damit weisen sie einen Widerspruch in sich auf, da im eigenen Hause zumeist das mit Füßen getreten, was man nach außen verkaufen will. Während sich die so genannten alten oder etablierten Industriezweige zunehmend dazu verpflichten, ihre Produkte an für unsere Gesellschaftsstandards kompatible Märkte zu veräußern oder über Stiftungen und Projekte in Ländern, in denen sie tätig sind, sich für Bildung, Gesundheit, Ökologie und Emanzipation engagieren, versickern die Revenuen der Kreativwirtschaft in den luxuriösen Domänen des Snobismus. Angesichts dieser Missverhältnisse, die eine Pauperisierung der Intelligenz ungeahnten Ausmaßes zeitigen, wird es Zeit, auch dieser Branche gegenüber ein sehr kritisches Konsumentenverhalten an den Tag zu legen.