Perspektivwechsel erforderlich!

Alle Jahre wieder wird ein weiteres mediales Ritual bemüht. Wie die Betriebsweihnachtsfeier, der geschmückte Weihnachtsbaum und der Gänsebraten erstürmt das Fernsehen noch einmal die Aufmerksamkeit mit mindestens einer gigantischen Wohltätigkeitsgala, in der die Abzocker aus der Medienbranche, die sich für keine Rolle zu schade sind, die Herzen derer öffnen sollen, die man schlechthin die Gewinner nennt, damit sie sich erweichen und ihrem traurigen Gegenüber den Seelenobulus entrichten, der das Gasgeben im neuen Jahr dann wieder erleichtert. Und, zu guter letzt schlägt uns auf jedem TV-Kanal ein Jahresrückblick entgegen, der das Dramatische, das Tragische, das Bewegende und das Skurrile nach einer eigenen Dramaturgie aneinanderreiht.

Nicht, dass es nicht ratsam wäre, am Ende eines Jahres das Geschehen noch einmal Revue passieren zu lassen, um aus der Kontemplation heraus Lehren zu ziehen oder Entschlüsse zu fassen. Das wäre der Stoff, aus dem die Historiographie ihre Existenz nahezu exklusiv abgeleitet hat. Denn das Lernen aus dem, was uns widerfährt, unterscheidet uns von vielen anderen Existenzen. Aber gerade das wird mit den Retrospektiven nicht bezweckt.

Egal, auf welchem Sender die rückblickende Dramaturgie ausgestrahlt wird, sie enthält nicht, was den Fragen eines vernünftigen Subjektes der Geschichte standhielte. Fragen, die nach einer Erklärung suchen, die Motive der Handelnden frei legen, die sich der Ursache eines Ereignisses nähern oder es bewerten. Genau die Kategorien, die sich mit der Analyse von Geschichte beschäftigen, gelten dem dort offenbarten Journalismus als Tabu, was verstören muss. Das Tabu wird begründet mit Neutralität, die erforderlich sei. Dieses Argument verrät die Tristesse, die sich hinter der Ausblendung jeglicher Rationalität verbirgt.

Was uns mit den Jahresrückblicken kredenzt wird, ist eine heftige Portion Ideologie, die uns suggerieren soll, dass wir die passiven Elemente einer Ereigniskette sind. Der Mensch als handelndes, teilweise sogar bewusst handelndes Subjekt ist in dieser Konzeption längst liquidiert. Nein, letztendlich sollen wir mit dem Gefühl aus der Rezeption solcher Sendungen gehen, dass die Welt schrecklich, schön, dramatisch und bizarr ist und wir sie zu nehmen haben, wie sie sich darbietet.

Die wahre Dramaturgie, die sich hinter der geschilderten Präsentation der Zeitgeschichte versteckt, ist hingegen die willentliche Katapultierung des Menschen in die permanente Position der Leideform. Die historisch potenzielle Passivität war immer eines der Paradigmen von Herrschaftsideologie und insofern ist sie nichts Neues. Überraschend ist nur, dass sich diese Art der Begründung von Herrschaftsverhältnissen so unverfroren darbietet und eine Resonanz der Empörung bisweilen ausbleibt. Das mag zum einen daran liegen, dass die meisten Menschen mit ihrer computerisierten Arbeitswelt zunehmend die Gestaltungspotenziale durch Reaktionsräume ersetzen mussten. Zum anderen hat die Politik noch nicht entdeckt, dass das historisch handelnde Subjekt nach wie vor, im tiefsten Innern, eine hohe Attraktion besitzt.