Spannung in der Erbärmlichkeit

Erich Maria Remarque: Arc de Triomphe

Sie flohen zu Hunderttausenden in alle Welt, die Intellektuellen, die Qualifizierten und die Politischen. Das politische Epizentrum des Nationalsozialismus vernichtete nicht nur den deutschen Nationalstaat, er nahm ihm auch das, wofür er schon vor der Nationalstaatlichkeit bekannt und begehrt war: Das kulturelle Erbe, den Geist und eine einzigartige Intellektualität. Das, was Ernst Bloch so treffend das Unsägliche genannt hatte, brachte nicht nur Millionen ins Grab, es entwurzelte auch das geistige Leben Zentraleuropas. Erich Maria Remarque, der mit seinem Buch über den I. Weltkrieg unter dem Titel Im Westen nichts Neues bereits in aller Welt gelesen wurde, widmete mit seinem spannenden und letztendlich 1945 erschienenen Arc de Triomphe den Exilierten in aller Welt einen bis heute überaus aktuellen und lesenswerten Roman.

Die Handlung spielt im Paris vor der Mobilmachung gegen die befürchtete Invasion der deutschen Truppen zur Neige der dreißiger Jahre. Die Stadt wimmelt vor legalen und illegalen Emigranten. Vor allem die Illegalen fristen ein sehr bescheidenes Dasein, das neben den materiellen Entbehrungen vor allem geprägt ist von der Angst, von den französischen Behörden aufgegriffen und irgendwann doch den Nazis ausgeliefert zu werden und in einem Konzentrationslager zu landen. Die Kulisse sind schäbige Emigrantenhotels sowie windige Nachtclubs und Bordelle. Hauptfigur ist Ravic, ein deutscher Illegaler in seiner 5. Identität, einst erfolgreicher Chirurg in Deutschland, durch die Verhörtorturen der Gestapo gegangen, geflohen, mehrmals gefasst und in die Schweiz abgeschoben und immer wieder mit einer neuen Identität aufgetaucht. Um sein Leben bestreiten zu können, operiert er illegal für alternde französische Chirurgen, die das Messer nicht mehr ruhig halten können und bekommt dafür den Bruchteil von deren Honorar, von dem sich aber leben lässt.

Ravic lernt eine junge Italienerin kennen, die fremd in Paris ist und deren Lebensgefährte sich im Hotel umgebracht hat. Neben der Geschichte einer vergeblichen Liebe, in der die Lebensphilosophien nicht kompatibel sind, gewinnt die Geschichte an Dramaturgie durch das zufällige Aufeinandertreffen Ravics mit einem früheren Folterer bei der Gestapo. Dieser verweilt in eindeutiger Mission in Paris, um die deutsche Invasion durch geheimdienstliche Tätigkeit vorzubereiten. Der Nazi erkennt Ravic bei deren Aufeinandertreffen jedoch nicht wieder. So entschließt sich Ravic, den Nazi zu ermorden, was ihm mit Hilfe eines russischen Emigranten auch gelingt. Nach dieser Tat scheint Ravic mit sich im Reinen zu sein, eine seltsame Ruhe überkommt ihn und er sieht selbst während der französischen Mobilmachung den Ereignissen gelassen entgegen, so das er sogar beschließt, sich den französischen Behörden als Illegaler zu stellen.

Der Triumphbogen im Zentrum von Paris wird zu einer Metapher für die Ambivalenz, die dem Begriff innewohnt. Zu groß ist die Kehrseite des Triumphalen, als dass sie überstrahlt werden könnte, nicht individuell, nicht politisch und nicht historisch. So versinkt der Arc de Triomphe, der wie ein Lesezeichen immer wieder in dem Roman auf sich aufmerksam macht, zum Schluss in tiefer Dunkelheit.