Schmerzhaft, schön und vergänglich

Gerry Mulligan, Astor Piazzolla: Tango Nuevo

Das Zusammentreffen großer Vertreter ihres Metiers muss nicht unbedingt heißen, dass etwas Neuartiges oder Einzigartiges zustande kommt. Manchmal glänzen die Protagonisten nebeneinander in ihrer Meisterschaft, aber sie finden nicht zueinander. Ihre Brillanz bleibt isoliert, aber der Funke springt nicht über. Bei dem Zusammentreffen von Astor Piazzolla und Gerry Mulligan im Jahr 1987 war das etwas andres. Da trafen sich zwei Lebensweisen, die ineinander flossen und sie schufen etwas Einzigartiges. Mit dem Album Tango Nuevo entstand eine Musik, die kein Genre so richtig erfassen kann.

Formal am Tango Nuevo, der Kontrapunktierung Piazzollas gegenüber dem traditionellen Tango angelehnt, durchfließen alle Stücke die traditionellen Metaphern des Tangos wie des blues-orientierten Jazz, sie rekurrieren auf die Vergänglichkeit, die Entwurzelung, die Sehnsucht und die Vergeblichkeit. Mit dem ersten Stück, 20 Years Ago, wird das Thema auch melodisch gesetzt, denn es kehrt fragmentarisch in allen Variationen zurück, selbst in der konkreten Reminiszenz Aire De Buenos Aires taucht das Thema auf, und bei der Hommage an die Einsamkeit, Years Of Solitude, erweist es sich als Grundgefühl der Melancholie.

Gerry Mulligan, der wie ein Titan vermocht hat, das Baritonsaxophon aus der rotzigen Rhythmisierung der Marching Bands und den rauchigen Off Beats des Bi Band Jazz in die Höhen der melodiösen Führung zu bringen, trifft mit diesem Außenseiterinstrument auf Piazzolla, der mit dem Emigrantenkonstrukt namens Bandoleon ähnliches vollbracht und die Klangbilder der Kaschemmen vom Rio de la Plata in die Clubs von Greenwich Village brachte. Beiden, Mulligan wie Piazzolla gelang es, weil sie nicht über die Extravaganz einer Technik, sondern die Intensität eines Gefühls mit ihren Instrumenten die Welt eroberten. Und obwohl beide einem Genre entstammen, waren sie nie durch das Genre beherrscht. Ihre Offenheit entsprang der der Universalität eines seelischen Zustandes, der weltumspannend anzutreffen ist.

Auf Tango Nuevo erleben wir eine Fusion, die keine ist, weil sie keine unterschiedlichen Genres vereint. Viel mehr treffen sich Artgenossen, denen das Bedürfnis innewohnt, das gleiche ausdrücken zu wollen. Das machen sie mit den Mitteln, die sich auf ihrem langen Weg der Erkenntnis angeboten haben. Deshalb, und nur deshalb, gelingen derartig dissonant schwermütige, befremdende und doch so vertraute Klangkompositionen und Figuren, die den Stoff bieten für große Erkenntnis.

Tango Nuevo ist die Musik für die großen Gefühle, mit denen man am liebsten allein ist, weil sie der Einsamkeit entstammen. Gemeinsam erleben kann man das nur beim Hören dieser Musik. Sie bricht einem das Herz, aber sie ist unerklärlich schön.

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