Archiv für den Monat Februar 2010

Die Klassen der Weltgesellschaft

Die heftigen und emotional geladenen Diskussionen um die Äußerungen des FDP-Parteivorsitzenden Guido Westerwelle verdeutlichen, dass ein Lebensnerv unserer Gesellschaft getroffen wurde. Wenn die Zahl sicher ist, die gehandelt wird, leben in der Bundesrepublik 12,5 Prozent der Gesamtbevölkerung von sozialen Transferleistungen, und zwar mehr schlecht als recht. Dass in diesem Land eine Verantwortung gegenüber denen existiert, die ihren Lebensunterhalt nicht durch eine geregelte Arbeit finanzieren können, ist eine der großen Errungenschaften politischer Zivilisation. Sie in Frage zu stellen, wäre nicht weiter führend, sondern ein Konzept der Vergangenheit.

Was wir allerdings momentan an Rhetorik erleben, ist von beiden Seiten eine beschämende Spiegelfechterei. Man weiß, nach welchen Figuren getanzt werden muss, um die jeweils relevante Zielgruppe zu bedienen. Letztendlich haben wir in unserer Gesellschaft zwei tief in Mitleidenschaft gezogene Lager, die so langsam mit ihrem Latein am Ende sind. Da sind zum einen diejenigen, die in Arbeit stehen und deren Einkünfte reichen, deren Arbeitsleben aber einen Absorptionsgrad erreicht hat, der nur noch wenig vom Leben übrig lässt. Hinzu kommt, dass die zunehmend erdrückendere Last der Ausgaben des Gemeinwesens durch Abgaben dieser Klasse finanziert wird. Voraussetzung dieser Kohorte ist zumeist eine Qualifikation, die die komplizierter werdende und sich komplexer gestaltende Arbeitswelt bedient und eine Psychostruktur, die mit dem Dauerdruck umzugehen in der Lage ist. Auf der anderen Seite haben wir diejenigen, die aufgrund von weniger Qualifikation und geringerer psychischer Belastbarkeit und einer daraus abgeleiteten international vorhandenen Konkurrenz keine Chance mehr haben.

Die rhetorische Choreographie, die wir momentan beobachten können, berührt die Emotionalität beider Seiten, ist vom Niveau jedoch ein Affront gegen alle. Die Verhältnisse derjenigen, die durch Arbeits- und Finanzbelastung auch nicht so leben, wie man es ihnen vorwirft, werden dadurch nicht besser und diejenigen, deren potenzielle Arbeitsplätze längst in der Ukraine, in Lettland, Brasilien, China, Indien oder Indonesien liegen, haben davon nichts, wenn sie beschimpft werden. Die Argumentationsmuster sind längst abgenutzt, der Trend der arbeitsmäßigen globalen Diversifizierung währt bereits Jahrzehnte und die politisch Handelnden haben nicht den Mut, offen über das zu verhandeln, worum es geht. Auf dem freien Markt sind Mindestlöhne die Garantie von Arbeitsplätzen überall in der Welt, nur nicht hier. Die Weltgesellschaft zeigt einer national gewachsenen sozialen Stratifikation ihr brutales Gesicht und es gibt nichts, was dieses Faktum aus der Welt schaffen könnte.

Solange wir nicht über die Tatsache zu diskutieren bereit sind, dass wir auf dem freien Weltmarkt für einige Millionen Menschen in diesem Land keine Arbeit mehr finden werden, solange können wir uns nicht die Frage stellen, wie wir diesen Menschen eine Rolle geben können, in der sie unter würdevollen Bedingungen in dieser Gesellschaft einen nützlichen Beitrag werden leisten können. Herausforderungen gäbe es genug.

Das Land, in dem du lebst

Ein Jazzschlagzeuger, übrigens einer der guten seines Metiers, erzählte von den Erfahrungen, die er beim Geldverdienen machte. Es ging dabei nicht um die Gelegenheiten, die sich bei seiner eigentlichen Passion ergaben, denn da ist für die meisten nichts zu holen. Wie viele gute Musiker verdient auch er seine Brötchen bei ganz anderen Gelegenheiten. Hochzeiten sind gut, manchmal auch Beerdigungen. Aber richtig klingelt es in der Kasse, wenn man den Sprung auf die großen Volksfeste schafft. Ihm war es gelungen, ein Engagement auf der Cannstatter Wasn in Stuttgart zu ergattern. Für gutes Geld musste er während der ganzen Veranstaltung viele Stunden am Tag Volks- und Trinklieder begleiten, vor tausenden von entrückten Mitbürgerinnen und Mitbürgern, die jährlich die Gelegenheit nutzen, um dem Alltag zu entrinnen.

Sonst an die feinen Rhythmuswechsel und Improvisationen gewöhnt, drosch der gute Mann hier, sediert durch Unmengen von Alkohol, primitivste Weisen, immer auf die Eins. Beim ersten Mal hatte er damit gerechnet, auf ein älteres, gesetztes Publikum zu treffen, das einer anderen Zeit entstammte und in feinem Trachtenzwirn seinen archaischen Ritualen nachging. Umso erstaunter war er, als er feststellen musste, dass es sich bei dem überwiegenden Teil um junge Menschen handelte, die sich dort einfanden, gekleidet wie die Alten, und kollektiv bis in die letzte Choreographie hinein dumpfen Wahnsinn in die Superlative trieb. „Da“, so schloss er, „habe ich erst begriffen, in was für einem Land ich lebe!“

Trotz seiner systematisch betriebenen Entrückung, die er betrieb, um die für seine Verhältnisse schreckliche Tortur zu überstehen, hat der Mann in der unverwechselbaren Art eines klugen Dialektikers die richtige Schlussfolgerung gezogen. Statt sich über das zu mokieren, was er erlebt hatte, stellte er die Frage nach dem gesellschaftlichen Kontext und sah, was massenhaft in den Seelen unseres Volkes schlummert. Das vor Augen, ist vieles, was uns im Alltag manchmal befremdet, gar nicht mehr so erstaunlich. Das Unterbewusste, das unter der scheinbar zivilisierten und formell verfeinerten Hülle der Zeitgenossen wirkt, bestimmt in vielfältiger Weise ihre Urteile, was die Vorgänge in der zivilen Welt betrifft.

Die gegenwärtigen Festivitäten der Fasnacht oder des Karnevals sind unter diesem Aspekt eine reichhaltige Fundgrube. Auch dort entlädt sich das Gefühl, das aus den Tiefen des Daseins spricht. Die über den Witz transportierten Botschaften aus den Prunksitzungen sind beste Dokumente, die erklären, warum und wie Politik funktioniert. Teils überwinden sie die gepanzerten Schutzschilde der ansonsten herrschenden Tabus und entblößen so manches Motiv. Natürlich kann man sich über das Ganze mokieren und es dabei belassen. Das putzt vielleicht in dem einen oder anderen Fall das Selbstwertgefühl einer gepeinigten Bildung auf, aber es lässt eine Erkenntnis auf dem Boden liegen, die aufgrund ihres Charakters nicht verschmäht werden sollte. Vieles ist anstößig und brutal. Aber so ist das Land, in dem du lebst.

Psychedelisch, elektrisch, rockig – ein loderndes Feuer der Avantgarde

Jimi Hendrix. Are You Experienced?

Da sind die Beine der ehemaligen Weltkriegssoldaten längst wieder unter den heimischen Tischen, sie haben Kinder gezeugt und gewöhnen sich an eine Normalität, die durchsetzt ist mit Traditionen, die eigentlich seit dem Krieg nichts mehr galten. In dieser Gemengelage wuchs eine Jugend auf, die das alles nicht mehr begriff und eine eigene Welt aufbauen wollte. Kritische Fragen wurden zunehmend von Klängen begleitet, die rebellisch gegen das Alte waren und sehnsüchtig auf das Neue. Und dann tauchte da ein schwarz-weißes Trio auf, das über Nacht wie ein Blitz einschlug, in die Vorstellungen jener alten Welt wie in die schon entstandene Ordnung der neuen.

The Jimi Hendrix Experience brachen mit dem Album Are You Experienced 1967 alle Tabus, die gebrochen werden konnten, ohne mit dem Attribut der Zerstörung beschrieben werden zu können. Was Jimi Hendrix, der Amerikaner, und die Briten Noel Redding und Mitch Mitchell mit diesem Album schufen, war Innovation pur, die sich selbstverständlich der Traditionen bediente, sie liebkoste , um sie im selben Moment zu sprengen und kurz darauf wieder zu erzeugen. Selten wurde ein Blues so eindrucksvoll und bis heute so unnachahmlich gespielt wie bei Red House, nie hörte man bis heute Rocker, die es gewagt hätten, einen Foxtrott wie im Titelsong Are You Experienced rückwärts zu spielen, nie vorher war das Schicksal der amerikanischen Ureinwohner im Rock-Blues so kritisch thematisiert worden wie in I Don´t Live Today und die Gitarrenriffs aus 3rd Stone From The Sun, die akustisch die Klangformationen kosmischer Bewegungen antizipierten, die waren 1967 nicht nur neu, sie kann bis heute niemand von Menschenhand erzeugen. Eine ganze Generation summte beim Anblick einer rothaarigen Frau hingerissen die Melodie von Foxy Lady, bis ins 21. Jahrhundert hinein reichen die ersten Klänge von Manic Depression, um ein Publikum egal welchen Alters zu elektrisieren.

Der Blitz, der mit Are You Experienced die saturierte Welt des Aufbegehrens traf, löste Entsetzen und Erleuchtung aus, das Wagnis der Befreiung schien etwas ganz Pragmatisches und Reales zu sein, wer diese Platte auflegte, hatte keinen ruhigen Abend mehr. Sie spaltete die Welt der Musik, doch nicht lange, denn kaum hatten die Leute begriffen, was sie da hörten, waren sie fasziniert, andächtig, ergriffen. Are You Experienced hat die Welt verändert, sie hat die Musik endgültig elektrisiert, sie hat die Musikproduktion verändert, die Hörgewohnheiten, und die Einstellung, mit der Musik gehört wurde. Sie wurde erzeugt von Outcasts, deren Leben kein kleinbürgerliches Zuckerschlecken war und deren Protagonist wusste, dass seine Zeit, in diesem stratosphärischen Milieu die Musik neu zu erfinden, sehr begrenzt war. Wer Are You Experienced hört, der hat die klangliche Übersetzung eines Vorgangs, der eintritt, wenn Meteore verbrennen. Sie erleuchten die Welt und sind danach vernichtet.