Suizidale Akzeleration

Hunter S. Thompson. Fear and Loathing in Las Vegas

Kaum eine Zeit wurde von denen, die in ihr groß wurden, derartig glorifiziert und mythisiert wie die Sechziger. Und wie alle Zeiten, in denen sich etwas bewegte und veränderte, weisen auch die sechziger Jahre mit Büchern auf, die bis heute Kultstatus besitzen. Das liegt unter anderem daran, dass diejenigen, die an ihr teilhatten, noch leben und nicht selten dazu geneigt sind, den Mythos hochleben zu lassen. Nach Autoren wie Kerouac und Burroughs, die als Pioniere gelten konnten, weil sie Vorboten der sechziger Jahre waren, kann der 2005 durch eigene Hand gestorbene Hunter S. Thompson als einer derjenigen gelten, der das Jahrzehnt vom anderen Ende her anstrahlte. Sein Roman Fear and Loathing in Las Vegas, der 1971 erschien, wirft ein Licht auf das durchgeknallte Dasein jenseits der frühen emanzipatorischen Illusionen. Es ist eine Bilanz am Ende der Drogenkette, eine ziemlich fürchterliche, die von Selbstironie getränkt ist, die nicht mit dem Zeigefinger daherkommt, sondern die eigene Verstrickung am Ende einer Illusion zum Thema hat.

Die Handlung besteht darin, dass der Autor zusammen mit seinem Anwalt in einem Pickup auf dem Weg nach Las Vegas ist, um im Auftrag eines Verlages über ein Motorradrennen in der Wüste von Nevada zu berichten. Im Gepäck haben sie einen Drogenmix, der für eine ganze Kompanie ausreichte, Haschisch, Opium, Meskalin, Äther, Benzedrine, LSD und gehörige Mengen Alkohol. Von der ersten Seite bis zum Schluss wird der Leser Zeuge von einem horrenden Abusus dieser Drogen in der wildesten Reihenfolge und die aus den Augen eines der Konsumenten beschriebene eigentliche Handlung nimmt folglich eine Form an, die eher als das Ergebnis willkürlicher Assoziation eines nicht endenden Fenstersturzes beschrieben werden kann als eine Textur nach den traditionellen Schemata einer wie auch immer gearteten Epik. Ob das Duo nun den ersten Auftrag, die Reportage über ein Motorradrennen genauso vergeigt wie den zweiten, nämlich die Berichterstattung über eine Konferenz amerikanischer Polizisten über Drogenkriminalität, das alles ist letztendlich nicht entscheidend. Auch der Drogenkonsum der beiden Protagonisten bleibt letztlich uninteressant. Das, was bei Thompsons Buch besticht, sind die in der Wüstensonne aufblitzenden Erkenntnisfragmente, die seht gute Einblicke geben in die Naivität der westlichen Gesellschaft Ende der sechziger Jahre, die nicht mit dem umzugehen weiß, was sie in Frage stellt und die unbeschreibliche Leichtigkeit, mit der es gelang, die etablierten Institutionen an der Nase herumzuführen. Da bleibt kein Auge trocken und es kommt vieles wieder ins Gedächtnis, das die Unaufgeklärtheit der damaligen Welt wieder vor Augen führt.

Hunter S. Thompson wartet sogar mit einer Schlüsselszene auf, in der er die Erkenntnis aufblitzen lässt, wie sehr die Generation, die sich aufgemacht hatte, das Bewusstsein zu erweitern und die Erkenntnis zu vergrößern, mit den Mitteln, die sie wählte, einen kollektiven Selbstmord beging. Nicht alle, aber viele. Und selbst der Autor entging im wahrsten Sinne des Wortes diesem Schicksal nicht. 34 Jahre nach Fear and Loathing in Las Vegas. Mit 68 Jahren.