Das Griechenland-Manöver

Einen besseren Anschauungsunterricht könnten selbst die findigsten Pädagogen kaum bieten. Angesichts des Hilfeersuchens seitens Griechenlands an die EU zur Stützung der eigenen Staatsfinanzen spielt sich in Europa ein Manöver ab, das viel sagender nicht sein könnte. Und das auf allen Seiten! Da wird in Griechenland an einen sehr alten, seit den Militärjuntas schon vergessen geglaubten Chauvinismus appelliert, der den griechischen Nationalstolz über das reife Kalkül stellt. Neben einer Empfängermentalität, die an das Dekadente erinnert wird ganz unverblümt das Klassenressentiment gegen die Reichen gestellt, sprich die großen Wirtschaftsnationen, vorne an die Bundesrepublik. Sie sähen genüsslich zu, wie der arme griechische Olivenbauer seiner Existenz beraubt würde. Dass zu dem nationalen Verderben ebenso die Großmannssucht, die Spekulation und die windige Buchführung gehört haben, wird dabei glimpflich verschwiegen. Dennoch fruchten die Anschuldigungen und im Volk gärt die Aggression gegen die Reichen aus dem Norden.

Hier, im Land der gefühlten immerwährenden Geber, wird wiederum ein Bild gezeichnet, das in seiner Übertreibung und Hintertriebenheit kaum besser ist. Da liegen die faulen Griechen in der Sonne oder unterm Baum und lassen sich die durch EU-Subventionen finanzierten Hähnchenschlegel ins das offene, faule Maul fliegen. Und wenn sie zwischen Völlerei und Saufgelage einmal aufwachen sollten, dann hetzen sie auf unsere Landsleute, die auch noch so dumm sind, ihren Urlaub bei diesen Faulenzern zu verbringen. Verschwiegen wird bei dieser Hetze, dass auch deutsche Waffenexporteure sich dick und fett verdient haben bei einer strategischen Überrüstung des Mittelmeerstaates, der an die Zähne bewaffnet ist und so viel Geld pro Bürger für die militärische Rüstung wie sonst niemand in Europe ausgibt. Und verschwiegen wird ebenso, dass es in Europa an den Börsen – im Gegensatz zu den immer wieder verschmähten USA – immer noch erlaubt ist, auf das Abschmieren von ganzen Volkswirtschaften zu setzen und es sich bei einem Teil der schrecklichen Verluste, die sich auch als deutsche Kompensationszahlungen am Himmel abzeichnen, um das Absichern solcher politisch verwerflicher und asozialer Spekulationen handelt.

Sieht man sich die mediale Kommunikation auf beiden Seiten an, so könnte man einer großen Depression erliegen angesichts der schlichten Manöver, derer es genügt, um ganze Nationen gegeneinander aufzuhetzen. Noch schlimmer wird es allerdings, wenn man in Betracht zieht, dass im Grunde die gleichen Reflexe mit den gleichen Reizen bedient werden. Das ist ein trauriges Stück, das dort aufgespielt wird, welches nur dadurch seinen wider Erwarten heiteren Schlusspunkt erfährt, dass das jeweilige eigene Volk mit einer anti-kapitalistischen, egalitären Ranküne bei der Stange gehalten werden soll und das Xenophobische markiert wird durch den Müßiggang, der jenseits der Gerechtigkeit liegt. Da haben, bevor der Schlussvorhang fällt, dann doch der Frankfurter Börsianer und der Athener Immobilienhai hier sowie der griechische Weinbauer und deutsche Steuerzahler dort mehr mit einander gemein, als man zu Anfang glauben wollte.