Aggressive Depression

Depressionen sind eine ernste Angelegenheit. Sich gegen sie wehren können die Betroffenen nicht mehr, weil es zum Wesen der Krankheit gehört, keine psychisch immunisierenden Kräfte gegen den Defätismus mehr mobilisieren zu können. Das Weltbild zerfällt zu einem Desaster, in dessen Mittelpunkt das Individuum selbst steht. Letztendlich handelt es sich bei dem Phänomen um einen subjektiv erlebten freien Fall in die existenziellen Niederungen, wenn nicht in die Auflösung des Daseins überhaupt. Kognition und Ratio sind fast vollständig ausgeblendet, die negative Emotion dominiert das Erleben. Da hilft, zumindest in der therapeutischen Praxis, häufig nur der Einsatz von Drogen, die, wie es dort immer wieder heißt, zunächst einmal ruhig stellen bis zu dem Zeitpunkt, von dem man glaubt, der Appell an ein urteilendes Bewusstsein habe die Chance, wieder anzukommen. Die Depression ist die Ausblendung menschlichen Gestaltungswillens, er kommt ebenso wenig vor wie die emotionale Aufladung, die sich in der Aggression Luft verschafft.

Dennoch ist das Paradoxon der aggressiven Depression zu beobachten. Allerdings nicht bei einzelnen Individuen, die als pathologisch im originären Sinne gelten könnten, sondern als Phänomen, das sehr gut das gegenwärtige Psychogramm unserer gesellschaftlichen Zustände beschreiben könnte. Denn die deutsche Volksseele blendet zunehmend systematisch alle kognitiven und rationalen Filter aus und steigert sich in eine der Depression analoge Emotionalität. Letztendlich befindet sich dieser Psychozustand im freien Fall und es sind keine auto-suggestiv gesteuerten Aktivitäten mehr vernehmbar, die dieser Art von Patienten noch eine positive Verlaufsprognose erlaubte. Die Symptome, die die paradoxe Diagnose der aggressiven Depression erlauben, sind vor allem in den emotionalen Zuständen zu finden, die kollektiv die Übermacht errungen haben. Da ist vor allem der Neid zu nennen, der in der Mehrzahl der emotionalen Handlungen dominiert, dich gefolgt vom Ekel, der als eine Art Spiegelung des ersten zu begreifen ist. Beide emotionale Varianten sind allerdings aggressive Gemütszustände, die genuin nicht in das Krankheitsbild der Depression passen.

Das, was bei Depressiven als erster Verlust offensichtlich wird, nämlich seine eigenen Geschicke und die Welt bewusst gestalten zu wollen, ist bei näherem Hinsehen den Deutschen gehörig abhanden gekommen. In einem einzigartigen Akt der Verdrängung wird ausgeblendet, wie desolat die rein reaktive und nicht mehr steuernde Existenz sich auf die realen Lebensbedingungen auswirkt. Im Gegensatz zu dem klassischen Krankheitsbild jedoch werden dann Energien freigesetzt, wenn sich im näheren Lebensumfeld der Wille anderer Zeitgenossen vernehmen lässt, etwas gestalten zu wollen. Dann, wie aus dem Nichts, entlädt sich eine Aggression, die in der Manier eines Orkans alles wegzufegen trachtet, was an die Möglichkeit erinnern könnte, das Schicksal in den eigenen Händen zu haben. D.h. das letzte zur Verfügung stehende energetische Potenzial wird in einer destruktiven Handlung vergeudet. Da fallen dann doch nur noch ganz archaische therapeutische Programme ein, wie z.B. der Aderlass, denn die sanfte Medizin scheint in diesem Falle bereits heute überfragt.