Der lange Ritt durch die Ebenen des Blues

Jimmie Vaughan. Plays Blues, Ballads & Favorites

Nun ist er schon fast Sechzig! Der ältere Bruder. Aber im Gegensatz zu seinem jüngeren und erfolgreicheren Bruder Stevie Ray, der bereits in Form eines Denkmals am Colorado River zu Austin steht, lebt Jimmie Vaughan noch. Dennoch stand er immer im Schatten des Jüngeren, der schon zu Lebzeiten, aber mehr noch durch seinen tragischen Hubschrauberabsturz zum Mythos wurde. Aber Jimmie Vaughan ist uns geblieben und er lässt immer wieder von sich hören. Der Mann aus Dallas, Texas, der dem Blues der Prärie zeit seines Lebens treu geblieben ist. Die nun vorliegenden Aufnahmen zeigen Jimmie Vaughan von seiner besten Seite: Bluesig, etwas rockig, zurück genommen und mit einem Bläsersatz, der diesen Blues erst zu dem macht, was er ist, nämlich Texas at it´s best!

Egal, welche Titel man sich aussucht, sie alle könnten in einem All Time Favorite ihren Platz finden, weil sie irgendwie repräsentativ und klassisch sind. Mit The Pleasure Is All Mine, das sich etwas schleppend und lakonisch durch die Routine des Alltags zieht und die coole Lebensart ins Zentrum der Überlebensphilosophie stellt, wird das Album nicht umsonst eröffnet. So heißt es nicht viel später, I´m Leavin´It Up To You, und es wird deutlich gemacht, das hier, im staubigen Texas, jeder für das einstehen muss, was er für sich wählt. Und im RM Blues wird man den Eindruck nicht los, man sitzt in einem Zug Richtung Norden und bereut schon nach kurzer Zeit, dass man überhaupt eingestiegen ist. Schleppend bewegt sich das eiserne Ross in die Kälte und nur der Gedanke an die enttäuschende und verlorene Liebe lässt den Wahnsinn zu, dem man sich da aussetzt. Und letztendlich bei Funny How Time Slips Away wird der alles andere als markante Sänger Jimmie Vaugahan zum Chronisten seiner eigenen Lebenserfahrung. Da ist trotz aller Profanität keine Reue, da macht ein Mann sein Ding, weil er sein Ding machen will und muss. Wer da lamentiert, der ist ein schlaffer Hound Dog, da fehlt die Klasse.

Alle fünfzehn Titel sind etwas für Leute, die ihren Genuss nicht in der Jagd nach Neuigkeiten finden, die von irgendeiner technischen Finesse geprägt werden, die letztendlich nichts aussagt. Das, was Jimmie Vaughan hier abliefert, das ist großartiger, gepflegter Blues aus Texas, der seine Legitimation aus dem eigenen Selbstbewusstsein zieht. Mit der klassischen Bluesbesetzung von Gitarre, Bass und Schlagzeug und einem kleinen Bläsersatz hat vieles die Aussagekraft einer Big Band, weil die verschiedenen Parts allesamt von Leuten gespielt werden, die den Blues haben, und die wissen, was sie da machen. Mal singt Jimmie Vaughan selbst, mal ist eine Gastsängerin am Werk, aber das ist alles egal. Irgendwie hat man das Gefühl, man säße in einer der kleinen Bars in der 6. Straße von Austin, es wäre schwarze Nacht und furchtbar heiß, das Eis im Glas schmölze allzu schnell und man würde das Gefühl nicht los, einer Band zuzuhören, der es scheißegal ist, was sich da draußen alles abspielt, Hauptsache, es macht Spaß. All Night Long!