Archiv für den Monat Juni 2010

Monsieur le President

Glaubt man den Umfragen, dann waren 75 Prozent der Bevölkerung für den Kandidaten der Opposition. Sie hielten ihn für fähiger. Aber wen interessiert das schon! Folgt man dem Regelwerk der derzeitigen verfassten Demokratie, dann ging alles seinen demokratisch legitimierten Gang. Das Räsonnement über das Amt an sich hielt sich ebenfalls in Grenzen. Zwar reagierte die Öffentlichkeit etwas verunsichert über die erste Flucht aus dem Amt bei lebendigem Leibe. Aber auf eine Beantwortung der Fragen, die sich daraus ergaben, wurde nicht insistiert. Der alte Präsident hat seitdem das Stigma des lauen Knaben, was allerdings nicht das Umfeld exkulpiert. Denn er hatte Bedenken gegen den zunehmend chevaleresken Führungsstil der Kanzlerin, der brachial der Machtanspruch einfordert. Denn es ging weder um Afghanistan und die Bundeswehr noch um die Turbulenzen, die aus dem Führungsstil des alten Präsidenten im Schloss Bellevue resultierten. Es ging um die Rettungspakete für Euro und Griechenland, die nach allzu langem Zögern husch, husch beim Präsidenten zur Zeichnung über den Tisch sollten. Da hatte der Finanzfachmann Bedenken, die er deshalb herunterschluckte, weil das stumpfe Brotmesser an seinem Hals den Geruch nach Erpressung verströmte.

Als der alte Präsident mit wehenden Rockschößen aus dem Saal gestürmt war, da nutzte die Kanzlerin die Gelegenheit so, wie man in England ein deutsches Sprichwort in die eigene Bilderwelt übersetzt, sie erschlug gleich zwei Vögel mit einem Stein. Die sie in der Gunst der Wähler übersteigende Ministerin demontierte sie zum Frühstück und mit dem kleinen Präsidenten aus Niedersachsen zog sie der Opposition in der eigenen Partei den letzten Zahn. Parbleu! So geht das, wenn man auf der Höhe der Macht und sie zu nutzen bereit ist. Das Manöver der Opposition, mit einem ehemaligen Favoriten derselben Kanzlerin punkten zu wollen, ist zwar auch nicht von schlechten Eltern, aber nur deshalb der Diskussion würdig gewesen, weil der Kandidat durch seine gelebte Biographie Format besitzt. Das war das Glück derer, die ihn vorschlugen.

Nun, da eintritt, was schon alle wussten, auch weil die Linke die Trennung von ihrem historischen Erbe nicht zustande brachte, sollte die kalte Stimme des Pragmatismus die Zusammenfassung sprechen. Die Republik hat einen neuen Präsidenten, der nicht stärker ist als der alte. Ganz im Gegenteil. Er ist eine durchsichtige Instrumentalisierung durch die Kanzlerin, die aufgrund einer komfortablen Mehrheit machen konnte, was sie wollte. Das Amt des Präsidenten wurde dadurch nicht beschädigt, denn auch eine Demokratie ist weitaus stabiler, als die Unken in der Abenddämmerung in den stickigen Himmel rufen. Beschädigt, wenn nicht gar von vorneherein verschlissen ist der Amtsinhaber, in dessen Pflichtenheft die Kanzlerin mit zunehmend fahriger Feder gekritzelt hat, das Amt als Protokollmogul zu führen, mit Macht, aber ohne Belang. Vieles spricht dafür, dass sich der neue Präsident erst artig fügen wird, um dann ein Unbehagen zu spüren, das aus dem Salondasein resultieren wird. Wie vielen anderen auch, in der Regierung, in der Partei, in den Städten, und irgendwann auch im Volk. Und der kleine Michel wird, wie leider sooft in seinem Leben, sich wieder einmal die Augen reiben über das, was er so nichts ahnend alles erduldet hat.

Die Ökonomie der Macht

Nein, in dieser Frage kommt man mit Nietzsche nicht weiter. Allenfalls mit George Bataille. Aber letztendlich ist es hinreichend, die Vorgänge von Machtausübung aufmerksam zu beobachten. Und es fällt auf, wie sollte es anders sein, dass es verschiedene Typologien der Machtausübung gibt. Individuen, die in Machtpositionen kommen, können in der Regel eine Erfolgsgeschichte aufweisen, sonst wären sie nicht dort, wie sie sind. Manchmal gibt es Situationen, die gerne mit dem Begriff des Kairos beschrieben werden. Damit ist gemeint, dass bestimmte Personen schlicht und einfach zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort waren und dadurch in Machtpositionen gelangt sind. Aber auch das kann durchaus eine Leistung sein.

Typologisch hingegen sind vor allem jene Charaktere hervorzuheben, die ihre Macht dadurch zu erhalten und zu mehren suchen, indem sie schneidend scharf ihre Autorität einfordern und ein gedankliches Paradigma schaffen, nach dem der Machtbereich nach einer relativ kurzen Zeit funktioniert. Ein anderer Typus, den wir zunehmend in den Biotopen der Konsensdemokratie beobachten können ist der, welcher den Zustand der Ambiguität, d.h. der Unbestimmtheit und des Austarierens kultiviert. Seine Stärke besteht im Aushalten provisorischer, instabiler Verhältnisse.

Die Attitüde, die Macht zu nutzen, um Krisen, wie das Volk so treffend titelt, auszusitzen, ist weit verbreitet und reicht in unserem Land bis ins höchste Amt. Man kann die Textur bei jeder Handlung entziffern. Es geht immer darum, wie die eigene Macht gesichert werden kann. Eine Strategie oder Ziele spielen kaum noch eine Rolle. Aber auch wenn diese vorhanden sind, ist der permissive, unbestimmte Führungsstil ein sehr hoher Preis für jede Organisation. Die Unbestimmtheit, die auf das Aushalten und den längeren Atem setzt, kostet unendlich Zeit. Zeit, die bekanntlich in einem chronischen Konkurrenzverhältnis vor allem in einem globalen Kontext dazu führen kann, Terrain preiszugeben, das unwiederbringlich verloren ist. Und das Spiel auf Zeit ist zudem ein auto-destruktives, wenn man sich die Protagonisten dieses Systems einmal genauer anschaut. Sie ruinieren sich, indem sie die Pose der vermeintlichen Sozialverträglichkeit annehmen.

Der Typus der bestimmten Machtausübung ist in unseren Breitengraden selten beliebt, weil er viele an die Autoritäten erinnert, die zu den ganzen Traumata geführt haben, die die Handlungsfähigkeit unseres Landes seit langem so beeinträchtigen: Eine auf Zerstörung und Militanz ausgerichtete Macht. Das historische Aroma sollte nicht den Blick gänzlich verstellen. Denn der bestimmte, deutliche, die Macht zeigende und dennoch dialogfähige Führungsstil ist in anderen westlichen Zivilisationen, denen der Fundamentalismus erspart geblieben ist, durchaus vorhanden, und, man höre und staune, vorteilhafter für den demokratischen Prozess als das konsensuale Ritual der Zermürbung.

Unentschiedenheit, die sich als Dialogfähigkeit präsentiert, kostet selbst die Betreiber ungeheure Ressourcen, sodass der harte Gang des Konfliktes, den wir durchaus als eine positive Fähigkeit des Regierens bezeichnen können, wie eine einmalige, wohl dosierte Investition erscheint.

Wiegenblues vom Prinzen aus Mali

Ali Farka Toure. Niafunke

Lange bevor Ry Cooder ihn mit dem Album Talking Timbuktu der westlichen Öffentlichkeit näher brachte, war Ali Farka Toure auf seinem Kontinent schon eine Instanz. Der Prinz aus Mali mit seinen fünf Frauen beherrschte das Gitarrenspiel so sehr wie den Groove, in dem sich Afrika bewegt. Ali Farka Toure, der bedauerlicherweise im Jahr 2006 einem Herzinfarkt erlag, war der Geist und Ton des pechschwarzen Blues. In einem Interview, das die Produzenten der Scorsese-Reihe über die Geschichte des amerikanischen Blues mit ihm in seiner Heimat führten, erzählte Ali, wie er zum ersten Mal im Radio John Lee Hooker gehört habe. Er fragte seine Freunde, mit denen er das Programm hörte, ob sie wüssten, wer das sei. Als sie antworteten, es sei John Lee Hooker aus den USA, da lachte er sie aus und sagte, „das kann doch gar nicht sein, das ist doch einer von uns!“ Besser kann man nicht beschreiben, wie nah der US-amerikanische Blues seinen Wurzeln in Afrika ist. Und Ali Farka Toure war der Musiker, der diese Beziehung in der Neuzeit verkörperte. Bis zu seinem Tod lebte er bei seinem Stamm und in seinem Dorf, aber er wurde der große geistige Führer und handwerkliche Lehrer für eine ganze Generation von Musikern Afrikas.

Nachdem einige Zeit seit dem in den USA produzierten Album Talking Timbuktu vergangen war, nahm Ali Farka Toure mit Niafunke ein Album in Afrika selbst auf, das strikt auf die Wurzeln verweist. Nach dem Auftakt mit Ali´s here, in dem er mit der elektrischen Gitarre den Konnex zwischen den beiden Kontinenten aufblitzen lässt, wird es mit Allah Uya und Mali Dje sowie Saukare sehr traditionell. Es sind ritualisierte Weisen, die sehr verdeutlichen, wie genuin das Genre in seiner Heimat ist. Bei Hilly Yoro hört sich das Ganze schon an wie eine Exilfeier in den Straßen von San Francisco, wobei der afrikanische Gesang bereits gestützt wird von einem kompletten Blues-Equipment, wie es auf den Bühnen des Electric Blues in Chicago üblich ist. Und bei Tulumba klingt es gänzlich nach der Windy City, wären da nicht die Kongas, die nur in den Tropen diesen Rhythmus zeitigen. Mit Instrumental wird deutlich, was Ali Farka Toure meinte, als er darauf verwies, dass John Lee Hooker doch einer von ihnen sei. Das, was Toure dort, ohne Begleitung, von der Rhythmik bis zu den Riffs treibt, das hört sich tatsächlich an wie der große John Lee. Nur dass der eine sein Domizil in Detroit oder San Francisco hatte und mit einem Chevi durch die Schluchten fuhr, während der andere in einem großen Zelt in Mali saß. Die geographische Trennung des Genres, bedingt durch Versklavung und Verschleppung, wird durchbrochen durch die Kontinuität von Rhythmus und Akkordfolge. In ASCO wird die Kraft deutlich, mit der sich der heutige Blues in Afrika präsentiert und es ist nicht nur ein Indiz von Nostalgie, dass es viele US-Bluesmusiker immer öfter nach Afrika treibt, um Kraft zu schöpfen und sich inspirieren zu lassen. Und mit dem letzten Stück Pieter Botha wird deutlich, dass das Genre immer Politik von Unten gewesen ist.

Ali Farka Toure zu hören, heißt, zu begreifen, wie vergänglich die Welt ist und was dennoch Bestand hat.