Die Revolte als Überlebenskonzept

Zum Tod von Dennis Hopper

Es war Ende der neunziger Jahre. Ich lebte in Jakarta und mein Draht zur Welt waren einige englische und amerikanische Fernsehsender, die man auch dort gegen Gebühr empfangen konnte. Auf einem dieser Kanäle lief sonntagabends immer eine Diskussion mit Studenten einer New Yorker Schauspielschule, die jeweils berühmte Schauspieler einluden, um sie zu allem zu befragen, was sie interessierte. An einem dieser Sonntage war Dennis Hopper der Gast. Es begann sehr schwungvoll, und bevor ich mich auf die Diskussion konzentrieren wollte, ging ich noch in die Küche, um mir einen Tee zu kochen. Als ich dort stand, vernahm ich vom Fernseher her nur noch Piep-Töne. Dann wieder Hoppers Stimme. Und dann begann das Piepen von vorne. Als ich zurück vorm Fernseher war, wurde mir klar, was dort gerade passierte. Immer, wenn Hopper einen Slangausdruck benutzte, der von den indonesischen Zensurbehörden als unanständig betrachtet wurde, überspielten sie diesen mit einem Ton. Und bei bestimmten Passagen piepte es nur noch, es wurde mehr zensiert als gesendet.

Dennis Hopper hätte diese Szenen gemocht und für sehr authentisch gehalten. Niemand mehr als der damals schon gesetzte Herr, der aus Dodge City, Kansas, kam, hätte verstanden, dass er in eine normativ gesetzte Welt des Anstands nicht gepasst hat. Nicht nur, dass seine Anfänge ausgerechnet auf Rebel Without A Cause zurückgingen, sondern der ganze Gestus des jungen Dennis Hopper war die unbegründete Revolte. Er spielte den Haudegen, der die Konventionen bricht, den Phantasten, den das eigentliche Dasein nicht schert und den charismatischen Verführer, der sich im letzten Augenblick doch für die Gewalt entscheidet. Auch wenn immer wieder versucht wurde, Hopper durch Kult wie mit der Rezeption von Easy Rider zu kultivieren: Es gelang einfach nicht, weil er nicht bereit war, eine Rolle zu spielen, die nicht die seine war: Die Revolte, für die sich Hopper entschied, war keine glorifizierbare Angelegenheit, sondern selbst ein schmutziges Geschäft. In seinen Rollen wie in seinem Leben kämpfte sich Dennis Hopper durch das Medium der Gewalt und die Irrläufe des Drogenkonsums, so lange und so oft, dass es ihn vor ihm selbst am meisten ekelte. Erst spät, nach vielen Jahren der Selbstzerstörung, brachte er die Kraft auf, sich von diesen desaströsen Wegen fern zu halten.

Hopper avancierte zu einem angesehenen Regisseur, der immer mal wieder in die Rollen des Drecksacks schlüpfte, nun mit einem zwinkernden Auge und der kritischen Distanz, die ihm vorher gefehlt hatte. Dabei verfiel er nicht den Verführungen der späten Purifizierung: Hopper wurde kein bemitleidenswerter Konvertit, der seine eigene Biographie verdammt. Er blieb authentisch, indem er zu seinen Fehlern stand und sie als Notwendigkeit seiner Erkenntnis begriff. So endete Dennis Hopper als ein Star, der zur Idealisierung nicht taugte. Etwas Revolutionäreres kann es in Hollywood eigentlich nicht geben! Hoppers Dasein war allzumenschlich, seine Haltung dagegen eine Hommage an die Revolte.

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