Mikrokosmos Südafrika

Die Zeiten vor und während Olympiaden und Fußballweltmeisterschaften sind immer eine Lehrstunde für angewandte Länderkunde im Medienzeitalter. Nie wird intensiver über fremde Länder berichtet als dann, allerdings wird auch nie mehr Ideologie an den Mann oder die Frau gebracht. Die Olympiade in Australien bescherte uns ein Hohelied auf die intoleranteste und weißeste Gesellschaft in der westlichen Welt, die in China dagegen eine einzige Tirade gegen das Reich der Mitte. Idealisierung und Dämonisierung liegen ganz eng beieinander, eine ausgewogene, der normalen Widersprüchlichkeit eines zivilisierten Landes gerecht werdende Berichterstattung findet sich nicht. Bei Fußballweltmeisterschaften ist das nicht anders, mit dem einzigen Unterschied, dass das einende Band der Afficionados, der einfach nicht mehr zu erklärenden, abgöttischen Liebe zu diesem Spiel die Völker vielleicht mehr vereint als alles andere. Dafür bekommen wir dann aber immer noch eine Lektion besonderer Arroganz: Auch wenn wir, die Deutschen, es nicht auf dem Rasen schaffen, so sind wir dennoch immer noch die Weltmeister der perfekten Organisation, wie man an der dilettantischen Vorstellung der Gastgeberländer dann illustrieren kann.

Das Wohltuende an Südafrika ist, dass es irgendwie in die beschriebene Schablone nicht passt. Kaum ein Land ist von kolossaleren Widersprüchen gekennzeichnet und durchzogen wie dieses, und kaum ein anderes Land kann eine emotionale Spaltung der Weltmeinung besser für sich reklamieren wie dieses. So ist es nicht leicht zu sagen, in diesem Land sei alles easy und es wird schon werden, genauso wenig wie sich behaupten lässt, dort am Kap herrsche uneingeschränkt das Grauen. So wird aus dem ideologisierten Erdkundeunterricht dann eher ein Gestammel, das sich in Phänomenologischem ergießt und selten die Fragen aufwirft, die auch für den interessierten Europäer von Interesse sein könnte.

Nach einer einzigartigen Abschaffung des Apartheidregimes, die positiv durch die Figur Nelson Mandelas symbolisiert wurde, schlitterte das neue Südafrika wie andere, ehemalige Kolonialstaaten des Kontinents in eine sehr schmerzhafte und schmutzige Phase der Vergangenheitsbewältigung. Waren die Startbedingungen durch eine Kapitalflucht, eine mutwillig zerstörte Infrastruktur und ein für die Masse der Bevölkerung verheerendes Bildungswesen nicht schon schlimm genug, so kamen die organisierte Kriminalität und eine durch Korruption durchsetzte neue schwarze Elite noch hinzu. Gleichzeitig stieg die AIDS-Rate wie kaum woanders auf der Welt und für viele wurde Südafrika das Synonym für die Tragik der Welt. Und trotzdem, jenseits der Schlagzeilen, gelang es den verschiedenen Regierungen, das Land allmählich auf einen Weg zu führen, der Anlass für berechtigte Hoffnungen ist. Der Haushalt Südafrikas gehört heute zu den wenigen, die nach Wirkung gesteuert werden, das Investitionsklima hat sich verbessert, die Anzahl der Arbeitsplätze ist gestiegen, das Gesundheitssystem macht genauso Fortschritte wie das Bildungssystem und die Gleichberechtigung zwischen den Rassen ist keine theoretische Größe mehr. Das alles zeugt von einer Kraft, die sehr beeindruckt. Und das sollte vielleicht mehr im Zentrum der Betrachtung stehen wie eine Gruppe von Fans, die mit einem lebenden Löwen zum Stadion ziehen, auch wenn das wirklich nicht so ohne ist!

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