Cesar Luis Menotti und der Fußball als Kollektivsymbol

Argentinien wurde 1978 Fußballweltmeister. Die damals unbezwingbare, genial aufspielende Elf hatte nicht nur die Ästhetik auf ihrer Seite, sondern auch das Volk. Ar-gen-tina, die Geschändete, hatte die Schmach der Militärdiktaturen mit ihren unsäglichen Foltermethoden satt und der Untergrund bereitete sich vor, den Korridor der Demokratie zu betreten. Neben der Mannschaft, die die erwachende Lebensfreude verkörperte, machte ein Stratege von sich reden, der als Trainer auf der Bank saß: Der kettenrauchende, immer etwas elegant-nachlässig gekleidete Grandseigneur des Offensivfußballs, den sie alle ehrfürchtig den Philosophen nannten und dessen Name vielen bis heute wie ein Glücksmoment des Fußballs in den Ohren klingt: Cesar Luis Menotti. Nach dem grandiosen Finale, in dem die Fillol, Pasarella, Tarantini, Ardiles, Kempes und Houseman die Niederländer trotz ihrer immer intelligenten Raumaufteilung einnahmen wie ein verlassenes Dorf, nach diesem Finale war nichts mehr so in Argentinien, wie es einmal war.

Cesar Luis Menotti schrieb kurz darauf einen Essay, der in viele Sprachen der Welt übersetzt wurde und das formulierte, was wie wahren Aficionados schon immer wussten: Es gibt einen Zusammenhang zwischen Fußball und Politik. Die Art und Weise, so Menotti, wie Fußball gespielt würde, lasse Rückschlüsse darüber zu, in welcher psychosozialen Verfassung eine Nation sei und in welche Richtung die Determinanten der Politik zeigten. Satte Nationen verwalteten normalerweise die Ergebnisse, im Aufschwung begriffene, revolutionäre nähmen die Gegner mit Euphorie im Sturm und gelähmte, eingeschüchterte Staaten wären eine leichte Beute. Argentinien, so der Fußballphilosoph, konnte 1978 trotz der herrschenden Diktatur so spielen, weil die Kräfte der Demokratie längst erwacht waren und das Volk erfasst hatten. Fünf Jahre später fiel die Militärdiktatur und drei Jahre darauf, 1986, wurde man noch einmal Weltmeister.

Es lohnt sich, Menottis Gedanken bei der Betrachtung von Weltturnieren im Kopf zu behalten. So wie es aussieht, verlieren sie weder an Aktualität noch an Akkuratesse. Niederländer spielen wegen ihrer Befindlichkeit unter dem Meeresspiegel immer mit einer virtuellen Raumaufteilung und sind somit fast zeitlos modern, die Engländer kommen immer mit dem Anspruch des Empires, in dem die Sonne nicht untergeht, um als bereits historisches Empire zu scheitern, auch das einstige französische Kolonialreich trumpfte nur einmal auf, und zwar mit einer Söldnertruppe und scheitert seitdem am gesetzten Großmachtsanspruch und Italien stellt immer wieder unter Beweis, dass eine eigenartige, befremdliche Mixtur aus Kreativität und fast destruktiver Disziplin das Überleben in jeglichem Umfeld zu garantieren scheint, wie auch die nationale Politik immer wieder unter Beweis stellt.

Bleiben noch die Deutschen, die eigentlich zeigen, dass sie nur fähig sind, an Aufgaben zu wachsen, die sie von anderen und gegen ihren Willen gestellt bekommen. 1954 war es die Aufbruchstimmung nach dem Krieg, 1974 die Abrechnung mit den nationalistischen Vätern, 1990 ging die andere Diktatur unter und 2010? Da zeigen sich Ansätze, wie fruchtbar die gelebte Einsicht sein kann, dass wir ein Einwanderungsland sind. Sehen wir weiter genau hin, und denken an Cesar Luis Menotti!

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