Der Westwind und die Integration

Es wird immer spannender. Kaum ist der erste Hype um das Sarazin-Buch verflogen, kommt für die pietistische Dogmatikergarde der Integration die nächste Hiobsbotschaft. Die Konservativen und Liberalen der Niederlande scheinen es ernst zu meinen und mit dem Rechtspopulisten Geert Wilders eine Regierung bilden zu wollen. Entgegen aller sonstigen Gepflogenheiten kommen bereits kritische Kommentare aus dem Kanzleramt wie dem Willy-Brandt-Haus, noch bevor sich im Nachbarland eine Regierung konstituiert hat. Das ist eine neue Qualität, die dem Prinzip der Unabhängigkeit und nationalstaatlichen Souveränität entgegen steht und nur zu rechtfertigen wäre, wenn aus der lokal-niederländischen Entwicklung eine lebensbedrohende Gefahr für die Demokratien in Europa insgesamt zu befürchten wäre. Da dieses offensichtlich nicht der Fall zu sein scheint, stellt sich die Frage, was zu der Überschreitung einstudiertem zwischenstaatlichen Verhaltens geführt hat.

Die Niederlande galten über Jahrzehnte als das liberalste Land Europas, was die Integration von Migrantinnen und Migranten anbetraf. Dass dieses zumeist Zuwanderer aus ehemaligen Kolonien waren, verloren vor allem Beobachter aus der Bundesrepublik nicht selten aus dem Blick. Sicherlich nicht förderlich bei dem Versuch zu begreifen, was dort vor sich ging. Ein Molukker kann aufgrund der Besonderheiten der postkolonialen Geschichte mehr niederländischen Patriotismus in sich tragen als ein Niederländer aus dem weltoffenen Rotterdam. Dennoch treffen mit jeder Form von Migration Zivilisationslinien aufeinander, die ab einer bestimmten Dimenson die Frage nach der nationalen Identität des gastgebenden und integrierenden Landes aufwerfen und nach den allgemeingültigen Spielregeln des Zusammenlebens.

Sowohl die Niederlande als auch Frankreich hatten mit postkolonialen Immigrationswellen zu tun. Während Frankreich die koloniale Dominanz hochhielt und scheiterte, versuchten es die Niederlanden mit einer liberalistischen Position, was auch zum Scheitern führte. Zu den Unterstützern der rechtskonservativen Bewegung dort gehören heute ehemalige leidenschaftliche Vertreter der liberal definierten Integration. Gerade das Scheitern hat viele verbittert. Während bei der WM in Südafrika die Multikulturalität der deutschen Nationalmannschaft gefeiert wurde, konnte man beobachten, dass selbiges in Frankreich zu einer desaströsen Krise geführt hatte und in Holland bereits der Geschichte angehört.

Der Aufschrei, der momentan durch die deutsche Politik bei der Betrachtung der niederländischen Verhältnisse durch die Politik geht, ist ein Fall von Panik. Die holländischen Wahlergebnisse deuten nämlich an, was hierzulande auch noch geschehen kann und aller Voraussicht nach geschehen wird. Zunehmend wird deutlich, dass wir längst ein Einwanderungsland sind und uns mit dieser Tatsache nicht auseinandergesetzt haben. Die Frage nach unserer eigenen Identität ist genauso wenig beantwortet wie die nach den gültigen Regeln für das Zusammenleben. Ein Fiasko, das seinen Zins fordern wird, auch wenn man jetzt auch noch meint, Länder mit wesentlich größeren Integrationsleistungen belehren zu müssen.

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