Einheit und Diversität

Eine Nation ist immer ein komplexes Gebilde. Sie besteht aus unverzichtbaren Grundlagen, die in Geschichte, Ethnie und Sprache zu finden sind und einem sich daraus entwickelten Existenzverständnis. Dennoch ist es allen Nationen einer gewissen Größenordnung gemein, dass wiederum bestimmte Subsysteme existieren, die in Bezug auf die Sinnstiftung des Ganzen Eigenheiten aufweisen, denen Rechnung getragen werden muss, um das Gesamtsystem am Leben halten zu können. Nation heißt somit auch Diversität, oder besser gesagt, das Vermögen, verschiedene Subsysteme unter dem Oberbegriff der Gesamtheit erfolgreich managen zu können.

Die wiedererlangte Einheit Deutschlands vor zwanzig Jahren war von vielen lang ersehnt und das Ergebnis eines sehr emotionalen Strebens. Als sich welt- und geopolitisch die Möglichkeit bot, wurde schnell gehandelt, was unter dem Signé der Gunst der Stunde in die neuere Geschichte einging. Mit der emotional besetzten Wiedervereinigung ging die rationale, auf Interessen basierte Analyse der Verhältnisse im Großen und Ganzen unter. Dafür nach zwanzig Jahren nach Schuldigen zu suchen, ist wiederum geleitet von emotionalen Befindlichkeiten und nicht von einer rationalen, politisch realisierbaren Begutachtung der Lage.

Über die Unterschiede beider deutschen Teile zum Zeitpunkt der Vereinigung wird in diesen Tagen zur Genüge räsoniert. Eine von einem kruden, zentralistischen Dirigismus bevormundete Bevölkerung im Osten stand eine mit Freiheit und Liberalismus erzogene und in materiellem Wohlstand stehende im Westen gegenüber. Nur wenige stellten sich damals die Frage, welche Prozesse erforderlich gewesen wären, um eine Annäherung beider Teile zu einem gemeinsamen Nationenverständnis zu bewerkstelligen. Man setzte exklusiv auf die materiellen Erfordernisse, investierte in großem Maßstab in die östliche Infrastruktur bei gleichzeitiger Liquidierung der dortigen Volkswirtschaft. Dadurch entstand ad hoc eine Konfrontation mit den Funktionsmechanismen des westlichen Kapitalismus, was viele überforderte, jedoch nicht dazu führte, dass die neuen Eliten aus dem Osten nicht reüssierten.

Die Frage nach einer moderaten Übergangsökonomie wurde ebenso wenig wie die nach einer gemeinsamen, neuen Verfassung gestellt. Das Beängstigende bei dieser Geschichte ist die Tatsache, dass bis heute eine solche Debatte nicht geführt wurde und der Anschluss als Apodiktum besteht. Genährt wird weiter die Festtagsillusion, es handele sich um ein einig Vaterland, das so alle gewollt hätten. Das Wesen von Illusionen jedoch ist es, regelmäßig enttäuscht zu werden.

Angesichts der staatlichen Zusammenführung ist es nach zwei Jahrzehnten mehr denn je an der Zeit, die Frage nach den Konstitutionsprinzipien dieses Landes zu stellen. Eine Verfassung, wie die ehemals westdeutsche, die als Provisorium gedacht war, kann den Erfordernissen des Zusammenlebens in einer neuen Weltordnung nach der Auflösung der Ost-West-Konfrontation und der Globalisierung nicht mehr als Leitgedanke dienen. Unveräußerliche Rechte sind das eine, der Umgang mit Diversität bei gleichzeitigem Ziel der nationalen Handlungsfähigkeit das andere.

Advertisements

Ein Gedanke zu „Einheit und Diversität

  1. Nitya

    Lieber Gerd,

    ich stimme dir vollkommen zu – nur die Existenz sog. unveräußerlicher Rechte, so sie denn nicht nur auf dem Papier stehen sollen, wage ich zu bezweifeln.

    Herzlichst
    Wilhelm

Die Kommentarfunktion ist geschlossen.