Präsidiales Appeasement

Seine erste große Rede, so hieß es, würde er halten. Der 20. Jahrestag der deutschen Wiedervereinigung nach dem Krieg sollte das Buch der Rhetorik für den neuen Präsidenten der Republik aufschlagen. Eine bessere Gelegenheit hätte es fürwahr auch nicht geben können. Die Republik sucht nach einer Definition ihrer selbst, die den Unstetigkeiten eines globalisierten Rhythmus standhalten kann. Die Diskussionen um den Präsidenten, genauer gesagt um die Art und Weise, wie er ins Amt gelangte, die Frage nach den Prinzipien der Republik im Angesicht der Machtübernahme durch mediale Spektakel und die bis heute politisch nicht definierte Frage nach der Integration hätten Möglichkeiten geboten, ein großes Ausrufezeichen zu setzen.

Was der neue Präsident in seiner Rede anbot, war eher ein Symptom für die Defizite als ein Impuls für eine Verbesserung. Mein Gott, was für eine Aussage, dass wir tolerant sein müssten, wo doch bei vielen das Gefühl aufkommt, dass Toleranz als Maxime zunehmend als die Unfähigkeit verstanden wird, die eigene Identität zu artikulieren. Und, Bismillah, was für eine trostlose Referenz an die muslimischen Bürgerinnen und Bürger dieses Landes, er sei auch ihr Präsident. Ja, wenn er das nicht so sähe, dann stünde er nicht auf dem Boden des Grundgesetzes. Die groß angekündigte Rede war ein Sammelsurium an verträglichen Allgemeinplätzen, die das Defizitäre in der bundesrepublikanischen Diskussion transparent machten, mehr aber auch nicht.

Es ist ja nicht so, dass wir einen Katalog von Lösungen erwarten würden. Aber zumindest wäre es ein Fortschritt, die richtigen Fragen zu stellen. Wer sind wir denn, wenn wir von Toleranz reden? Wie definieren wir unser demokratisches Wesen, wenn wir zulassen, dass Verfassungsorgane medial täglich beschädigt werden? Wie stabil ist unsere Toleranz, wenn wir andere Meinungen oder Existenzen außerhalb des Mainstreams gar nicht mehr ertragen? Und mit was müssen diejenigen rechnen, die das von uns geglaubte Wertesystem bekämpfen?

Inshallah existieren in der aufgeklärten Welt im Christentum, im Islam wie im Hinduismus durchaus ernst gemeinte Vorstellungen darüber, dass es Diversität im Leben, dass es Gut und Böse, Recht und Unrecht gibt. Und in dieser aufgeklärten Welt ist man sich darüber einig, dass nur die Benennung der Missstände zu der Möglichkeit ihrer Abschaffung führt. Der neue Präsident unserer Republik fiel in seiner Rede weit hinter die aufgeklärten Teile der Weltreligionen zurück.

Insofern sind die Feierlichkeiten zur deutschen Wiedervereinigung eine Dokumentation der Krise gewesen. Ziel der offiziellen Politik war die Besänftigung, ob in Bezug auf die Lebensbedingungen in den unterschiedlichen Teilen Deutschlands wie in Bezug auf die Akteure in Fragen der Integration. Gut beraten sind die, die sich auf Basis gegenseitigen Respekts mit Courage in einen Prozess der Klärung begeben. Auch diese gibt es, sie waren nur gestern meist nicht geladen. Alhamdulillah!

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Ein Gedanke zu „Präsidiales Appeasement

  1. Nitya

    Lieber Gerd,

    war es Absicht, wie ich annehme, dass du etwa „in der aufgeklärten Welt im Christentum, im Islam wie im Hinduismus“ weder den Buddhismus noch den Taoismus erwähnt hast? Letztere sind ja tatsächlich keine Religionen im üblichen Sinn und schon gar keine Offenbarungsreligionen, sondern frühe Haltungen der Aufklärung, die daraufhin angelegt waren, nichts zu glauben, sondern alles selbst zu erforschen. Aufklärung und Offenbarungsreligion ist für mich ein Widerspruch in sich.

    Herzlichst
    Wilhelm

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