Mediales Räsonnement über den Supergau

Nichts, was dem seriösen Journalisten ferner wäre, als sein täglich Brot durch die Spekulation über eine größtmögliche Katastrophe zu verdienen. Wo kämen wir da denn hin? Nein, es gehört zum bis in die Verfassung hinein definierten Handwerk der Presse, aufzuklären, wo Aufklärung geboten ist bis hin zu den Stadien, wo es allgemein auch weh tut. Deshalb sind die Rechte derer, die sich diesem Handwerk verschreiben, auch gewahrt, und deshalb genießen sie einen selten noch in diesem Ausmaß verspürten Schutz.

Das Wesen einer Verfassung liegt darin, einen Rechtszustand zu beschreiben, der aus dem eigenen Selbstverständnis des Gemeinwesens entspringt und den man für absehbare Zeit, von der man glaubt, dass die wesentlichen Einflussfaktoren weiter wirken, in dieser Form erhalten möchte. Immer wieder in der Geschichte unserer Republik mussten wir feststellen, dass sich die Rahmenbedingungen unserer Verfassung geändert haben. Immer wieder wurde die Verfassung geändert, bei anderen Punkten, die auch einer Weiterentwicklung unterlagen, fand man keine Mehrheiten, um dieses zu tun.

Das Recht auf Pressefreiheit ist einer der Eckpunkte der Demokratie. Das Recht, die ethischen Grundlagen dieses Rechtes systematisch zu verletzen, hingegen nicht. Die Anzeichen, dass die ethischen Prämissen für eine unveräußerliche Freiheit zunehmend und nachhaltig verletzt werden, mehren sich täglich. Insofern haben wir es mit einer Situation zu tun, in der man dazu neigen könnte, das Kind mit dem Bade auszuschütten, wozu man in den Exekutivorganen immer wieder neigt.

Die gegenwärtige massenhafte journalistische Spekulation um mögliche Ziele terroristischer Anschläge ist so ein Beispiel, wo man die Nerven mit der freien Presse verlieren könnte, weil eine regelrecht industrielle Produktion sensationell wirkender Emotionslagen in keinerlei Relation zur Wahrnehmung demokratischer Interessen besteht. Es ist an der Zeit, die Essenz eines demokratischen Journalismus noch einmal einer gesellschaftlichen Diskussion zu unterziehen, um die zunehmende Dekadenz kritisch würdigen zu können.

Das so genannte Medienzeitalter kann diesen Namen unwidersprochen so führen, weil anstelle einer bewussten gesellschaftlichen Regie, so kontrovers die unterschiedlichen Kräfte auch agieren mögen, sich die Dominanz einer industriell erzeugten Effekthascherei breit gemacht hat, die vom Wesen dessen, was wirklich bewegt, gehörig ablenkt. Im klassischen, gesellschaftskritischen Sinn ist das, was unter dem Banner der Pressefreiheit sein Unwesen treibt, eine affirmative, der Mystifikation dienende Angelegenheit, die ablenkt vom Wesen des Konflikts und versöhnt mit den Gegebenheiten, wie sie sind. Ob die Bombe in der Kuppel des Reichstages hochgeht, ist eine Frage, die Panik auslöst und die Arbeit der Sicherheitsorgane behindert. Welche Erklärungen wir finden für den Terrorismus und welche Argumente gegen ihn, wäre etwas, das der Demokratie weit zuträglicher wäre.