Pariser Waschweiber und deutsche Medien

In den Zeiten des vor- wie nachrevolutionären Frankreichs existierte jenseits des Pressewesens und der offiziellen Verlautbarungen der Administration eine Nachrichtenbörse, auf der man mehr erfuhr. Man ging zur Seine und unterhielt sich mit den Wäscherinnen. Sie arbeiteten nicht nur in ihren eigenen Quartieren, sondern auch für die so genannte feinere Gesellschaft. Die Pariser Wäscherinnen kamen in alle Haushalte, unterhielten sich dort mit den Bediensteten und erfuhren so, wer mit wem verkehrte, wer wen betrog und wer mit wem welche Ränke schmiedete. Aus einer Liaison von Unten entstanden Nachrichten, mit denen die Oberen eigentlich nicht gerechnet hatten. Wer die Wäscherinnen konsultierte, war gut beraten und erfuhr Wichtiges über die politische Textur der französischen Hauptstadt.

Angesichts der Veröffentlichungen von WikiLeaks hinsichtlich der diplomatischen Noten der USA kann man sich viele Fragen stellen. Eine sicherlich über die grenzenlose Naivität der Botschaftsmitarbeiter, die über elektronische Netze Informationen senden, die brisant sind. Eine andere betrifft diejenigen, die aus Imponiergehabe oder kommerziellem Interesse Informationen veröffentlichen, aufgrund derer Menschen ihr Leben verlieren können. Und eine weitere Frage wäre dann die, inwiefern es von Interesse ist, widerrechtlich veröffentlichte Binsenweisheiten auf den Markt zu tragen, um die Quoten nach oben zu treiben, ohne dass irgendein weiterer Nutzen daraus entstünde.

Während die beiden ersten Fragen relativ schnell zu beantworten sind, da Naivität wie Verantwortungslosigkeit im Umgang mit elektronischen Netzwerken nicht geduldet werden darf und empfindliche Folgen nach sich ziehen müssen, ist die Frage nach der Trivialität eine andere. Wer wusste bis vor wenigen Tagen denn nicht, dass die Kanzlerin zwar sehr erfahren und virtuos mit der Machtbalance, aber wenig kreativ und entscheidungsscheu ist? Oder dass der bayrische Ministerpräsident Seehofer nach dem Konsum demoskopischer Daten unzurechnungsfähig wie eine Roulettescheibe wird? Und dass der Bundesaußenminister ein Rabauke ist, der zur verbalen Tätlichkeit neigt? Charakterisierungen dieser Art sprechen doch eher dafür, dass das diplomatische Chor der USA in seiner personalpolitischen Analyse sehr gut beraten ist. Wie gesagt, dass sie das alles durch den Äther twittern, manifestiert ihre grenzenlose und unverantwortliche Naivität.

Der nachrichtliche Zentrismus der deutschen Medien allerdings ist eine Dimension, die an die guten alten Zeiten einer Bananenrepublik erinnert. Da werden tatsächlich exklusiv die Charakterisierungen deutscher Spitzenpolitiker dem staunenden Publikum als das entscheidende Ereignis unterbreitet, ohne auf die tatsächliche Brisanz des Datenklaus hinzuweisen. Denn die existenzielle Frage, was passiert, wenn z.B. Informationen aus einem militärischen Krisengebiet in die falschen Hände geraten, scheint hier niemanden so richtig zu interessieren. Die politische Textur dessen, was aus WikiLeaks entsteht, bleibt im Verborgenen. Insofern wurde man bei den Pariser Waschweibern wesentlich besser bedient.