Archiv für den Monat November 2010

Mediales Räsonnement über den Supergau

Nichts, was dem seriösen Journalisten ferner wäre, als sein täglich Brot durch die Spekulation über eine größtmögliche Katastrophe zu verdienen. Wo kämen wir da denn hin? Nein, es gehört zum bis in die Verfassung hinein definierten Handwerk der Presse, aufzuklären, wo Aufklärung geboten ist bis hin zu den Stadien, wo es allgemein auch weh tut. Deshalb sind die Rechte derer, die sich diesem Handwerk verschreiben, auch gewahrt, und deshalb genießen sie einen selten noch in diesem Ausmaß verspürten Schutz.

Das Wesen einer Verfassung liegt darin, einen Rechtszustand zu beschreiben, der aus dem eigenen Selbstverständnis des Gemeinwesens entspringt und den man für absehbare Zeit, von der man glaubt, dass die wesentlichen Einflussfaktoren weiter wirken, in dieser Form erhalten möchte. Immer wieder in der Geschichte unserer Republik mussten wir feststellen, dass sich die Rahmenbedingungen unserer Verfassung geändert haben. Immer wieder wurde die Verfassung geändert, bei anderen Punkten, die auch einer Weiterentwicklung unterlagen, fand man keine Mehrheiten, um dieses zu tun.

Das Recht auf Pressefreiheit ist einer der Eckpunkte der Demokratie. Das Recht, die ethischen Grundlagen dieses Rechtes systematisch zu verletzen, hingegen nicht. Die Anzeichen, dass die ethischen Prämissen für eine unveräußerliche Freiheit zunehmend und nachhaltig verletzt werden, mehren sich täglich. Insofern haben wir es mit einer Situation zu tun, in der man dazu neigen könnte, das Kind mit dem Bade auszuschütten, wozu man in den Exekutivorganen immer wieder neigt.

Die gegenwärtige massenhafte journalistische Spekulation um mögliche Ziele terroristischer Anschläge ist so ein Beispiel, wo man die Nerven mit der freien Presse verlieren könnte, weil eine regelrecht industrielle Produktion sensationell wirkender Emotionslagen in keinerlei Relation zur Wahrnehmung demokratischer Interessen besteht. Es ist an der Zeit, die Essenz eines demokratischen Journalismus noch einmal einer gesellschaftlichen Diskussion zu unterziehen, um die zunehmende Dekadenz kritisch würdigen zu können.

Das so genannte Medienzeitalter kann diesen Namen unwidersprochen so führen, weil anstelle einer bewussten gesellschaftlichen Regie, so kontrovers die unterschiedlichen Kräfte auch agieren mögen, sich die Dominanz einer industriell erzeugten Effekthascherei breit gemacht hat, die vom Wesen dessen, was wirklich bewegt, gehörig ablenkt. Im klassischen, gesellschaftskritischen Sinn ist das, was unter dem Banner der Pressefreiheit sein Unwesen treibt, eine affirmative, der Mystifikation dienende Angelegenheit, die ablenkt vom Wesen des Konflikts und versöhnt mit den Gegebenheiten, wie sie sind. Ob die Bombe in der Kuppel des Reichstages hochgeht, ist eine Frage, die Panik auslöst und die Arbeit der Sicherheitsorgane behindert. Welche Erklärungen wir finden für den Terrorismus und welche Argumente gegen ihn, wäre etwas, das der Demokratie weit zuträglicher wäre.

Systemisches aus dem Kartell

The Wire. Die dritte Staffel

Nach einer quasi monokulturellen Studie des Gewerkschaftsmilieus in der zweiten Staffel wird es in der dritten richtig dicht. Da haben die Studien über die Gesetzmäßigkeiten des Drogenkartells von Avon Barksdale bereits die tiefe einer Übung aus dem Feld der Systemtheorie. Während Avon selbst aus dem Knast kommt und das Kerngeschäft kaum noch begreift, weil ihm zwei Jährchen fehlen, hat sich sein Kompagnon Stringer Bell auf den Weg gemacht, den legalen Arm des Unternehmens auszubauen. Auch ihm, den mit allen Wassern gewaschenen schweren Jungen, schlagen Anzugträger aus der Politik gehörige Schnäppchen, weil sie ihn mit seinem Glauben an die Legalität heftig an der Nase herum führen. Der legale wie der illegale Arm der Organisation erzeugen gegenseitig heftige Vertrauenskrisen, Avon Barksdale vertritt das alte Paradigma und erkennt die Nähe Stringer Bells zum Establishment. Brother Mouzon, ein Emissär der ganz Großen aus New York, der in Outfit wie Zivilisationsgrad an einen Malcom X erinnert, überzeugt Avon schließlich, das Stringer Bell ein doppeltes Spiel treibt.

Stringer Bells Showdown, der den Niedergang des Kartells endgültig einleitet, weil ein junger Stern bereits die Macht auf der Straße usurpiert hat, wird durch eine Aktionseinheit von Brother Mouzon und Omar vollzogen. Die Liquidierung des Parvenüs durch die grausamsten, aber auch geistreichsten Verbrecher der tief schwarzen Szene bringt alles mit, um in die Filmgeschichte einzugehen.

Flankiert wurde der Niedergang durch den eigenwilligen Versuch des schwarzen Polizeioffiziers Colvin, der in einem leer stehenden Viertel Baltimores den Drogenhandel temporär legalisiert hat, um die bewohnten Neigbourhoods von der Kriminalität zu befreien. Er beruft sich dabei auf das Beispiel Amsterdams, was dazu führt, dass in der Szene nur noch von Hamsterdam gesprochen wird. Als die Politik jedoch Wind davon bekommt, wird durch eine Großrazzia alles zerstört und der Status quo ante, wesentlich schlechter, wieder hergestellt.

Das bereits bekannte Polizeiteam hat bei allem seine eigenen Probleme, bei einem Einsatz erschießt der Pole mit dem unaussprechlichen Namen einen schwarzen Undercover-Kollegen, was ihn per se zu einem Rassisten stempelt, obwohl offensichtlich, dass dem nicht so ist. Kima, die charmante Lesbe, ist zunehmend genervt durch die Verbürgerlichung ihrer Beziehung und sucht sich Befreiung in ungezügelter Libertinage, während McNulty es vorzieht, nach der erneuten Festnahme von Avon Barksdale zurück auf Streife zu gehen, dahin, wo er hingehört.

Die durchgehende These von The Wire wird fortgesetzt, weder Zivilgesellschaft, noch Polizei, noch Politik und nicht das Milieu sind frei von Makel, daran hindern auch die politisch korrekten Karrieren schlauer Frauen und Vertreter von Minoritäten nichts. Und in allen wohnt auch etwas Gutes und Edles, man muss sehr genau hinschauen, bevor man ein Urteil fällt, und selbst das, bitte immer unter Vorbehalt!

Tolstois Zivilisationskritik steht noch im Raum

Geburts- und Todestage von Schriftstellern eigenen sich hervorragend, um zu resümieren, zu kritisieren, zu deuten und umzudeuten. Zumeist nimmt sich der Zeitgeist die Freiheit, die Rezeption noch einmal zu überdenken. Und es ist gut, dass es diese Freiheit gibt, denn nichts wäre fataler, als ein Deutungsmuster für alle Zeiten festzuschreiben. Die Art und Weise, wie sich die Literaturkritik längst in einem anderen Zeitalter mit den Titanen des Genres auseinandersetzt gibt zumeist auch Aufschluss über den epistemologischen Status Quo, aus dem heraus das Werk gedeutet wird.

Dass Leo Tolstoi zu den literarischen Giganten des 19. Jahrhunderts gehört, wird auch in den Rezensionen zu seinem 100. Todestag nicht angezweifelt. Aus den Erklärungen, die zumeist angefügt werden, kann man letztendlich dann aber doch nicht erklären, warum dieses so ist. Die Wirkung Tolstois auf seine Zeit und die, die folgte, lässt sich nicht erklären aus einer Chronologie seiner Werke oder der isolierten Aufzählung der Sujets, die er in seinem monumentalen epischen Werk gestaltet hat. Reduktionistisch hingegen wird in der Regel vorgegangen: Mit Krieg und Frieden wird der Pazifismus thematisiert, mit Anna Karenina die Frau in ihrer feudalistisch-bürgerlichen Zwangsrolle zum literarischen Paradigma, in den Volksmärchen der Pädagoge und insgesamt die Epik als Form der mündlichen Erzähltradition abgehandelt. Obwohl keiner dieser Verweise aus heutiger Sicht als falsch zu bezeichnen ist, wird die Dimension Tolstois aus dieser separierten Betrachtung nicht ergründet.

Die Biographie des als in die Annalen eingegangenen Eremiten und Eigenbrötlers durchschritt die normale Sozialisation seiner Zeitgenossen, und von der fleischlich-chevaleresken Erfahrung des russischen Offiziers bis hin zu einer sehr weltoffenen Reisetätigkeit des Wohlhabenden und Gebildeten sind unmittelbare Erfahrungen in das Werk Tolstois eingeflossen, die ihn zu einem Zivilisationskritiker machten, der die Fähigkeit besaß, weit über die Ära des Feudalismus bis tief in die Moderne zu blicken.

Im Gegensatz zu den Modernisten aus Zentral- und Westeuropa, die die Hauptleistung der Zivilisation in der Individualisierung sahen, hatte Tolstoi den Blick auf die Natur, die in ihrer genuinen Organisation deutliche Hinweise auf eine Weiterentwicklung der Zivilisation hätte geben können. Die Individualisierung in ihrer Exklusivität hingegen bereitete den Weg zu einer wachsenden Entwurzelung und Entfremdung, die letztendlich zu einer Sinnentleerung führte.

Der Einklang mit der Natur wurde hingegen erst ein Thema, als die Moderne mit ihrem humanen Egozentrismus vieles zerstört hatte, die Selbstaushöhlung des Individuums war längst vollbracht, als die Kritik an der instrumentellen Vernunft einsetzte und das Leben vor dem Tod erst von vielen entdeckt, als es ebenfalls längst zu spät war. Tolstois Zivilisationskritik findet sich in allen seinen Werken, den pazifistischen, den pädagogischen und den emanzipatorischen. Und in allem erkennt man die tief humane Handschrift eines großen Philanthropen.