Thunderclap Geißler und das Zerplatzen einer Illusion

Irgendwie erinnert die Physiognomie der Schlichters Heiner Geißler schon an mittelalterliche Darstellungen des Sensenmannes. Und irgendwie hat er gestern auch auf viele Bürger so gewirkt. Mit welchen Konnotationen wurde das von ihm vor einigen Wochen eingeleitete Schlichtungsverfahren nicht versehen! Von einer qualitativ völlig neuen Phase der Demokratie war da die Rede, von einem weisen Mann, der mit Esprit und Finesse den gordischen Knoten um das Projekt Stuttgart 21 würde lösen können und vieles mehr. Dem Schlichter selbst muss man in diesem Kontext einen Tribut zollen: Von früher Jugend bis zum hohen Alter ist es ihm gelungen, Menschen über das Mittel der Illusion an sich zu binden, zumindest temporär, zumindest solange, bis die Illusion zerbarst wie die Dunstschwaden des polizeilichen Pfeffersprays im Stuttgarter Schlossgarten.

Nun, nachdem die fachlich versierten Hunde auf beiden Seiten gebellt haben, kristallisierte sich heraus, was bereits die formale Logik im Vorfeld hatte vermuten lassen: Aufgrund der Rechtslage, aufgrund der bereits getätigten Investitionen und Beauftragungen wie aufgrund der Folgekosten eines abrupten Abbruchs des Projektes ist es selbst dem Magier Thunderclap Geißler nicht möglich gewesen, die Einstellung von Stuttgart 21 vorzuschlagen. Gemäß seines Schiedsspruches soll das Projekt fortgesetzt werden, allerdings noch zwei weitere Gleise dazukommen, Bäume umgesiedelt statt gefällt und eine Frischluftschneise garantiert werden. Nun gut, könnte man da sagen, was hat man auch anderes erwarten können, wäre da nicht die Reaktion der politischen Parteien.

Während die Landesregierung in Form des Ministerpräsidenten den Schiedsspruch mit Genugtuung aufgenommen hat, scheint sie sich dennoch an die Hinweise gebunden zu fühlen und wird die zusätzlichen Maßnahmen inklusive des finanziellen Mehraufwandes mittragen. Die Sozialdemokratie, die sich durch ihren abenteuerlichen Kurs im freien Fall befindet, hat, und das ist redlich, durch ihren Parteivorsitzenden bekundet, sie sei nach wie vor für einen Volksentscheid, spreche sich aber dennoch für das Projekt aus. Das ist eine löbliche Haltung, wäre da nicht die Weitergabe der Verantwortung an das Plebiszit. Summa summarum handelt es sich jedoch um eine suizidale Strategie, wer sie auch immer zu verantworten hat.

Die Grünen, deren demoskopischer Aufwind so manchen Protagonisten zum Größenwahn verholfen hat, argumentieren hingegen in einer Weise, die sie noch teuer zu stehen kommen wird. Während die Parteivorsitzende in Berlin postwendend nach dem Schlichterspruch erklärte, nun ginge es darum, die Finanzierung des Projektes über den Bundestag zu verhindern und damit bewies, wie ernsthaft die Teilnahme an dem Verfahren war, gurkt der Spitzenkandidat für die baden-württembergischen Landtagswahlen argumentativ derartig herum, dass die Alternative zwischen Mitleid und dem Zorn auf den Demagogen nach einiger Abwägung dann doch zu letzterem ausschlagen musste. Denn, so der selten Gerissene, wenn man die Zusatzinvestitionen aus dem Schlichterspruch noch berücksichtige, würde das ganze Projekt doch viel zu teuer, und daher solle man es begraben. „Vom Stolz erzogen, vom Stolz betrogen“ schrieb einst Hermann Hesse, und der kam aus dem Ländle und musste es schließlich wissen.