Das Toben der Kairophoben

Mit dem Niedergang von Systematik und Industrialismus beklagen viele Menschen den Rückgang des durch Fleiß, Disziplin und Anstrengung verursachten Erfolges. Das, was man in geordneten, überschaubaren Systemen ohne große Irritation messen konnte, ist auf vielen Feldern der menschlichen Arbeit nicht mehr vorhanden. Denn wie will man die einzelne Idee, wie den vernetzten Beitrag, wie das Apercu in einem größeren Produktionszusammenhang noch bewerten, und, schwieriger noch, wie will man ihn überhaupt noch erkennen? Die Zeiten gemessener Anschläge, bemalter Fläche oder zählbarer Formulierungen sind lange dahin und wir haben, vor allem in intelligenten Produktionszusammenhängen etwas, das auf einer ganz anderen Ebene zu einer erneuten Verzauberung der Welt geführt hat. Es gibt wieder Gesamtkunstwerke, die eine Aura versprühen, die jenseits der kleinlichen Messbarkeit liegt!

Da ist es kein Wunder, wenn sich bei vielen der verunsicherten Beobachtern der Eindruck immer gewaltiger Platz verschafft, dass der bloße Zufall dazu führt, inwieweit Menschen Erfolg haben. Oft, und nun seit geraumer Zeit auch unter einer Überschrift, wird kolportiert, man müsse nur zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, um Erfolg zu haben. Und da man die Trivialität der Deutung nicht allein im Raume stehen lassen will, bemüht man natürlich auch gleich die antike Götterwelt, um die merkwürdige Idee zu untermauern. Der Gott Kairos, übrigens kein Protagonist in der griechischen Götterwelt, sondern eher eine Edelkomparse, muss nun herhalten, um den Zufall als Erfolgsprinzip auf den Thron zu heben.

Kairos selbst ist von seiner Beschaffenheit auch gut dazu geeignet, denn er trägt an der Stirn die volle Haarpracht, während der Hinterkopf kahl ist. Damit wird verdeutlicht, dass man ihn nur von vorne kommend, quasi von Angesicht zu Angesicht beim Schopf packen kann, lässt man ihn hingegen vorbeihuschen, weil man sich nicht ganz sicher ist, dann kann man ihn an der kahlen Stelle nicht mehr fassen.

Aufschluss über das Prinzip Kairos in der heutigen Zeit gewinnt man aber nur dann, wenn man die etymologische Entwicklung in die Psychologie gleich mit in Betracht zieht. Dort existiert nämlich der Begriff in dem Terminus der Kairophobie, die die Situations- und Entscheidungsangst beschreibt. Letzteres als Phänomen hingegen ist in unseren Zeiten eine Massenerscheinung, denn Entscheidungen treffen und Verantwortung tragen, das möchten selbst die nicht, die den Zufall als Erfolgsrezept zu verkaufen suchen.

Die moderne Kairologie ergibt erst dann einen Sinn, wenn man sich vergegenwärtigt, dass der Mut des Handelns zumeist bei denen liegt, die sich auf ein solides Können stützen können. Ergreifen sie die Gelegenheit, oder besser gesagt den Gott Kairos am Schopf, dann ist das ein göttliches Ereignis, weil sich daraus etwas Gutes entwickeln kann. Scharlatane greifen auch nach ihm, doch verflüchtigen sie sich genauso schnell, wie er vorbeirauscht.

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Ein Gedanke zu „Das Toben der Kairophoben

  1. Nati

    Toller Artikel, der in wenigen Sätzen ein in der Gesellschaft allgegenwärtiges Phänomen auf den Punkt bringt, in der Personalwirtschaft hat die Kairophobie schon als Vorbote vor mehr als einer Dekade Gestalt angenommen und mit Checklistenverfahren die Personalauswahlentscheidungen reduziert, die menschliche Urteilsfähigkeit erst ausgeschaltet und sich dann nachträglich auch noch juristisch untermauern lassen (Gleichheit der Verfahren im Auswahlprozess) – bin gespannt, wann Politik nur noch aus Checklisten abhacken besteht – vor allem bitte künftig ohne Fotos der beteiligten Personen !!!

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