Die toten Augen des Liberalismus

Die durch die Globalisierung verursachte wachsende Komplexität hat auf die Modelle politischer Steuerung von Nationalstaaten unterschiedlich gewirkt. Als natürlicher Reflex auf eine wachsende Diffusion hatten sich zunächst Initiativen entwickelt, die unter dem Stichwort der Standardisierung die erste große Welle der modernen Globalisierung begleiteten. Wie die Pilze schossen Standardisierungsprogramme und –prozesse aus dem Boden, durch Zertifizierungen wuchs ein Markt, der Wachstumsraten aufwies wie kaum ein anderer. Staatliche und supranationale Regulierungsbehörden wie z.B. die Brüsseler Euronormierungen hatten zur Folge, dass die produktive Seite einer Liberalisierung der Märkte zumindest auf unserem Kontinent in Vergessenheit geriet.

Noch restriktiver wurde die Angelegenheit, als neben einer vermehrten staatlichen Zentralisierung und Normierung noch der Gerechtigkeitsaspekt dieses Dirigismus mit in die Debatte geworfen wurde. Obwohl mit dem Niedergang der bipolaren Welt der Supermächte in Ost und West zunächst das Gefühl eines kräftigen Freiheitsschubes aufgekommen war, hatten sich nach knapp einem Jahrzehnt die nationalen Zuchtmeister der Ordnung durchgesetzt, die auch die letzten Sonnenstrahlen mit dem Aufspannen einer tief dunklen Bürokratie vertrieben.

Wie von selbst tauchte da der Wunsch nach mehr Liberalität und eigener Entscheidungsfreiheit auf. Der immer stärker werdende Wunsch bei vielen Völkern Europas war der nach mehr Individualität, mehr Freiheit und weniger Reglementierung. Die politische Form dieses Wunsches ist traditionell der Liberalismus. Letzterer profitierte denn auch eo ipso aus dem Überdruss gegen die zertifizierte Regulierung und liberales Gedankengut reüssierte, der politische Einfluss wurde zählbar.

Wie immer übernahm die angelsächsische Welt die Vorreiterrolle bei der Renaissance des Liberalismus, und zwar zunächst in Bezug auf die Geldpolitik. Sie entpuppte sich allerdings nicht als Liberalismus, sondern als Libertinage und trägt massiv die Verantwortung für die Weltfinanzkrise von 2008, auch wenn die Jacqueteros aus den Staatsmonopolen des zentraleuropäischen Etatismus bei dem Desaster maßgeblich mit beteiligt waren. Aber wenn die Bombe ins Haus geliefert wird, identifiziert man nach der Explosion meist nur noch den Besteller.

Nun, da in Deutschland wie in Großbritannien die Liberalen auch in der Regierungsverantwortung stehen, wird eine weitere Enthüllung zum Gemeingut: Der Liberalismus ist ein vermeintlicher. Der große Wunsch nach Freiheit verhalf Politikern zum politischen Mandat, denen es um die Umverteilung von Reichtum, aber nicht um eine rationalere und freiheitlichere Organisation des Gemeinwesens ging. In Deutschland bediente man Branchen und Berufsgruppen mit Steuererleichterungen, in England verriegelte man das universitäre Bildungswesen zugunsten des alten wie des neuen Adels. Von beidem werden die Staatswesen nicht profitieren.

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