Amok, die Zeit und die Weite des Landes

No Country For Old Men. Regie Ethan & Joel Coen

Die Verfilmung von Corman McCarthys Roman wäre ohne große Interpretationsleistung möglich gewesen, denn der Text entspricht in seiner spröden, sehr schnittartigen Anlage durchaus einem Drehbuch. Die wesentliche Aussage des Romans dreht sich um die Erosion der Werte in einer sich wandelnden Zeit. Nicht nur der Polizist Bell, sondern auch dessen Vater symbolisieren unterschiedliche Alterungszustände von Männern, deren Werte keine Rolle mehr spielen. Während Bell, selbst noch im Arbeitsleben, heftig über den Verfall der Sitten räsoniert, hat sein scheinbar verwahrloster Vater, seit langem nicht mehr im Arbeitsleben, bereits das Stadium der zynischen Vernunft erreicht und bewegt sich jenseits des schmerzhaften Erkenntnisprozesses, keine wesentliche Rolle im gesellschaftlichen Leben mehr zu spielen.

Die Coen Brüder haben mit ihrer filmischen Inszenierung zwei Akzente gesetzt, die latent zwar in der Romanvorlage immer am Lesehorizont flimmern, aber nicht explizit thematisiert werden. Durch die Darstellung des scheinbaren Amokschützen Wells, der mit einer Sauerstoffflasche und einem daran angeschlossenen Schlagbolzen sein Killergeschäft verrichtet, ist es gelungen, die Eigendynamik der technischen Entwicklung in ihren teilweise absurden Varianten als eine Form der Normalität darzustellen, die sprachlos macht. Für Wells ist sein Vorgehen wie die Hinrichtungsmethode bereits das Gewöhnliche, während die Beobachter von Entsetzen geschüttelt werden.

Der zweite Akzent ist die Gleichförmigkeit der historischen Bewegung, die sich nirgends besser darstellen lässt wie im Texas an der mexikanischen Grenze, wo man 24 Stunden am Tag geradeaus fahren kann, ohne von der Straße abzukommen. Die Weite des Landes, die Gleichförmigkeit der Bewegung und die scheinbare Leblosigkeit ertasteter Horizonte führt zu der Illusion der Ereignislosigkeit. Und gerade diese Illusion wird durch die Schnelllebigkeit der Handlung brutal zerstört.

Die Titel No Country For Old Men suggeriert an sich ein metropolitanes Handlungsfeld, in dem die Rasanz der Bewegung zur kollektiven Metapher gehört. New York, Tokio, Shanghai wären Plätze, die man ad hoc dem Titel zuordnen würde. Der Film besteht vor allem mit seiner vermeintlichen Langsamkeit der Handlung und den Bildern der texanischen Landschaft aus einem grandiosen Verfremdungseffekt. Der Einzug der Moderne in das Szenario der archaischen Siedlergesellschaft erhält durch die Filmregie eine verstörende, teilweise absurde Note, die das hilflose Betrachten dieser Entwicklung durch die alternden Männer symbolisiert. Daher eignet sich der Film auch dazu, über das Phänomen im Allgemeinen nachzudenken. Was machen die Protagonisten, wenn sie keine Rolle mehr spielen und zunehmend um ihre eigene Bedeutungslosigkeit wissen? Großes Kino, gespickt mit verschlüsselten Botschaften!

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