Kinder in der Hölle, Quoten an der Macht

The Wire. Die vierte Staffel

Nach der Inhaftierung des Drogenbarons Avon Barksdale übernimmt in der vierten Staffel Malo Stanfield die Herrschaft über den Drogenhandel Baltimores. Doch nicht er, der seine Herrschaft durch Massenmord ausbaut und sichert, dominiert die Handlung, sondern Schulkinder. Sie, zumeist Sprösslinge einsitzender Drogenhändler und Krimineller, werden gezeigt in ihrer Zerissenheit zwischen kindlicher Neugier und Lernwilligkeit und sozialer Verwahrlosung und dem Druck, den die Erwachsenenwelt aus dem Milieu auf sie ausübt.

Da sind Mütter, die ihre Kinder zum Drogenhandel zwingen, weil sie nicht auf ihren Pelzmantel verzichten wollen und ihr Mann im Knast sitzt, Jungs, die zurückkommende Väter nicht mehr sehen wollen und zu Auftragskillern gegen den eigenen Väter werden, weil sie die jüngeren Geschwister schützen wollen. Kids, die mit der Polizei kooperieren und damit selbst den Kopf riskieren, weil sich nicht wollen, das ihre Freunde in das System von Mord und Totschlag gezogen werden und Unzählige, die am meisten fürchten, ihre Gefühle zu zeigen.

Es breitet sich eine Welt der Verrohung aus, in der einige, die es geschafft haben, über den Weg der Bildung oder der Ausübung eines soliden Berufs aus dem Todeskreis zu entfliehen, versuchen, einzelne Kinder über pädagogische Programme oder individuelle Patronage zu retten. Allesamt sind sie schwarz, wie die zynischsten und korruptesten der Politiker, die wie eine Schleimschicht über der Stadt wabern und aggressiv daran interessiert sind, eine Politik, die auf Wahrheit basiert und die Probleme an der Wurzel fassen will, zu verhindern. Sie generieren sich aus Quoten, die nicht den Eindruck machen, der Demokratie gedient, sondern die Kriminalität legalisiert zu haben. Auch der neue, weiße Bürgermeister Carcetti, der zwar mit großem Enthusiasmus an ein Programm für ein besseres Baltimore gehen will, lernt schnell die Kunst der Mystifizierung und geschönten Darstellung.

Es bleibt dabei, dass die Handlung, wie auf einem Graffiti im Vorspann in Bodymore – Murderland spielt und ein Einblick vermittelt, wie es auf dem Hinterhof des Imperiums aussieht: Korrupte Politik, Verelendung, Kriminalisierung, Verfall der Bildung, Untergang der Zivilisation. Die Staffel wartet mit großartigen Bildern auf, um die Vergeblichkeit des Bemühens, daran etwas zu ändern, zu stilisieren. Wenn der entlassene Polizist Colvin, zusammen mit drei Jugendlichen aus einem Sonderschulprogramm zur Belohnung mit diesen in ein Restaurant in der Innenstadt fährt und ihnen im Wagen Billie Holiday vorspielt, jener Sängerin, die in einem Bordell in Baltimore aufwuchs, zu einer der größten Jazzsolistinnen aller Zeiten avancierte und daran zerbrach, und nach dem Essen, das die Jugendlichen aufgrund des zivilisatorischen Ambientes demoralisiert hat, auf der Rückfahrt gegen den Willen Colvins überlaut eine Rapnummer gespielt wird. Oder sich die Berater des Bürgermeisters Carcetti angesoffen nachts in einer Bar darüber mokieren, dass ausgerechnet so ein Scheißthema wie die Schulpolitik schlechte Schlagzeilen gemacht hat.

Die vierte Staffel von The Wire geht wie keine unter die Haut und sie ist ein grandioses Plädoyer gegen die Verlogenheit der political correctness, die entlarvt wird als ein zynisches Mystifizierungsmanöver der Saturierten.

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