Revolution in Germanistan

Für unsere, d.h. die deutschen Verhältnisse, ist es schon außergewöhnlich. In einem Land, von dem Lenin sagte, dass dort selbst Aufständische vor der Einnahme eines Bahnhofs noch ordnungsgemäß die Bahnsteigkarten lösten, in einem solchen Land ist etwas Undenkbares eingetreten. Das Volk, so jüngste demoskopische Befunde, fühlt sich verraten und verkauft und vertraut der Politik in Gänze nicht mehr. Da ist die Sozialdemokratie zu lau, der Liberalismus zu zynisch, die Christdemokraten zu einfältig, die Linken zu gestrig und die Grünen zu regulatorisch. Und allen sei gemein, dass sie nur an sich dächten und ihnen das Wohl des Ganzen völlig unberührt an der rechten Gesichtshälfte vorbei ginge. Es scheint, als sei unser kleiner Michel mit seinem Schlafmützchen mal wieder auf Krawall gebürstet, und das alles kurz vor dem Fest des Friedens.

Allen, die bereits den schwarzen Dampf des Aufstandes in der Nase haben, sei allerdings geraten, nicht alles gleich auf eine Karte zu setzen, denn es kann durchaus sein, dass sie plötzlich ganz alleine dastehen. Der Michel nämlich, der kann zwar mal den Aufstand proben, doch durchführen, durchführen tut er ihn meistens nicht. Da ist es ratsam in das kleine Lied zu hören, das da ein Barde aus dem strengen Ostdeutschland gesungen hatte, als noch ein Riss ging durch das Vaterland: „Der legendäre kleine Mann“, hieß es da, „der immer litt und nie gewann, der sich gewöhnt an letzten Dreck, kriegt er nur seinen Schweinespeck! Und träumt im Bett vom Attentat, den hab ich satt!“ Das waren nicht nur deutliche Worte, sondern sollte auch eine Warnung sein vor der zu ernsten Rezeption der Volksmeinung in Deutschland.

Aber, auch das sollten wir nicht aus den Augen verlieren, wenn es ein Volk gibt, das in theoretischen Spielen die Revolution und alles was dazugehört durchdekliniert, dann sind es auch wir. Wir kennen und formen jedes Theorem und noch ehe der erste Stein geflogen ist, wissen wir bereits, ob ihn ein wahrer Revolutionär, ein Sektierer, ein Defätist oder ein Romantiker geworfen hat. Und wenn es sein muss, entsteht darüber ein Streit, der dem revolutionären Elan des Steinewerfens in nichts nachsteht. Da sind wir engagiert und teilweise sogar fanatisch, weil es schließlich entscheidend ist, ob man auf der 100prozentig korrekten Seite steht oder von konterrevolutionärem Boden aus agiert, was einen in der zukünftigen Geschichtsschreibung nie mehr loslässt.

Begangene Anmerkungen selbst hätten etwas Reaktionäres, wenn sie es dabei beließen, einfach nur zu sagen, der deutsche Michel sei ein Papiertiger. Das wiederum ist er nicht! Wenn er sauer ist, vor allem auf die Politik, dann kann daraus auch etwas sehr Konstruktives entstehen. Wenn die Wut praktische Folgen nach sich zieht in Form von Foren, aus denen heraus eine Opposition organisiert werden kann, dann war sie eine nützliche Sache. Und vielleicht, so könnte man zu hoffen wünschen, ist die grottenschlechte Vorstellung, die uns das regierende Deutschland derzeit gibt, genau die Energie, derer wir bedürfen, um aus dem Winterschlaf zu erwachen und praktisch etwas zu unternehmen!

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