Indikatoren für den Wandel

In seinem ebenfalls erfolgreich verfilmten Roman Der Eissturm, erschienen 1996, beschrieb der Autor Rick Moody die Emanzipationsversuche des Mittelstandes in den wohlhabenden Neuenglandstaaten. Um den Jüngeren zu erklären, wie sie sich die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts vorzustellen hätten, zählte Moody, quasi als Einleitung, auf einer halben Seite auf, was es damals noch nicht gab:

Keine Anrufbeantworter. Keine Rückruffunktion. Keine Fernabfrage. Keine CD-Player, keine Laserdiscs, keine Holographie, kein Kabelfernsehen, kein MTV. Keine Multiplex-Kinos, keine Textverarbeitung, keine Laserdrucker, keine Modems. Keine virtuelle Realität. Keine Einheitliche Feldtheorie, kein Vielfliegerbonus, keine elektronische Benzineinspritzung, kein Turbo, kein prämenstruelles Syndrom, keine Rehabilitationszentren, keine Erwachsenen Kinder von Alkoholikern. Keine Ko-Abhängigkeit. Kein Punkrock, kein Hardcore, kein Grunge. Kein HipHop. Kein erworbenes Immunschwächesyndrom, kein HIV, keine mysteriösen, aidsähnlichen Krankheiten. Keine Computerviren. Keine Klone, keine Gentechnologie, keine Biosphären, keine Farbkopierer, keine Tischkopierer und schon gar keine Fernkopierer. Keine Perestroika. Kein Platz des Himmlischen Friedens.

Einmal abgesehen von den leichten ironischen Anspielungen durch die Einstreuung kultureller Innovationen könnte man ad hoc die Aufzählung aus unserem heutigen Blickwinkel, der wiederum eineinhalb Jahrzehnte später anzusiedeln ist, vieles als überaltert entfernen und durch Neues ersetzen. Es würde allerdings keine neue epistemologische Dimension eröffnen. Die vielen kleinen und großen technischen Neuerungen, welche zweifelsohne unsere direkte Lebenswelt beeinflusst und verändert haben, sind genau das, womit wir in der Regel den Fortschritt beschreiben. Die wirklich spannende Frage ist jedoch, inwiefern die veränderte Lebenswelt die Lebensverhältnisse vermocht hat zu ändern. Sind die politischen Verhältnisse, die sich hinter diesen großartigen Perioden des technischen Wandels verbergen, genauso radikal verändert worden wie der Umgang mit Kabeln oder den Depots von Nachrichten?

Stellen wir uns diese Fragen, so können wir spontan die Frage beantworten, ob der technische Wandel zur Emanzipation neuer Schichten beigetragen hat. Leider müssen wir die Antwort verneinen, weil der Zugang zu Wissen nicht das Wissen vergrößert und der Besitz von Wissen nicht zum Zugang zur Macht verholfen hat. Ganz im Gegenteil, neben der sozialen Stigmatisierung zunehmend größerer Sozialkohorten ist der gleichzeitige Verfall von Bildung zu beklagen, weil die Sozialstrukturen nicht mehr genügend Halt und Orientierung zu vermitteln in der Lage sind.

Bildung, soziale und materielle Teilhabe jedoch müssen nach wie vor als Indikatoren für den Wandel angesehen werden, weil sie darüber entscheiden, ob die soziale Emanzipation der Ausgegrenzten voranschreitet. Die Reduzierung der Kriterien auf technische Mittel hingegen ist eher ein böses Mystifizierungsmanöver, weil es von den sozialen Dimensionen des Wandels ablenkt. Zudem ist es für die, die es propagieren, mehr als lebensgefährlich, weil die Akzeleration die Propagandisten einzelner Instrumente immer schneller von der Bildfläche fegt. Aber das soll nicht unser Problem sein.

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