Der Freudsche Mafioso

Die Sopranos. Eine Produktion von HBO

Vor allem mit der Serie Die Sopranos hat HBO jenseits der rein kommerziellen Produktionen ein neues Genre mit geschaffen. Es handelt sich dabei um eine Art cineastische Literatur, die aus einem filmischen Fortsetzungsroman besteht, der von Monat zu Monat auf die gegenwärtige gesellschaftliche Entwicklung eingehen kann und im Grunde genommen balzacsche Wurzeln hat. Mit der Persiflage auf ein Mafiamodell aus der Bush-Ära haben Autoren wie Produzenten ein Meisterwerk geschaffen, das als Prototyp für eine qualitativ höher stehende Unterhaltung mit einer literarischen Dimension steht, die durchaus das Potenzial besitzt, den Soap Operas wie dem Hollywoodmystizismus Terrain zu entreißen.

Toni Soprano, der Protagonist, ist der zwinkernde Geselle, der ganz mit den Attitüden der alten Mafia sein Geschäft jenseits des Big Apple betreibt. Er macht in Abfallentsorgung, einer wachsenden Branche, deckt jedoch mit ihr allerlei Geschäfte illegalen Charakters. Toni Soprano regiert mit allen Symbolen des alten Italo-Chauvinismus in einer brüchiger werdenden Männerwelt. Und gerade er, der Kopf, der Patron, er weist die notwendige Intelligenz auf, um aus der Modernisierung der Lebenswelten zu lernen, während seine Soldaten zunehmend die Orientierung verlieren. Sein Imperium wächst und mit ihm die Gefahren, und der Patrone scheut sich nicht, seine Selbstzweifel und Traumatisierungen zu instrumentalisieren, um Zugang zu einer Psychoanalytikerin zu erhalten, der er seine imperialen Strategien spiegelt und diese als mafioses Korrektiv missbraucht.

Dennoch kommen alle, die sich nichts bei dem perfiden Spiel denken, genauso auf ihre Kosten wie die ins Schulgeheimnis des Oberbosses Eingeweihten. Die Serie versprüht die Aura aus den Hochzeiten italienischer Dominanz in der amerikanischen Unterwelt, die Figuren sind ein Panoptikum aus allen erfolgreich inszenierten Klischees. Der wirre Pauli, der drogenabhängige Chris, der zweifelnde Pussy Bombieri, die vielen Frauen, die die sizilianischen Hähne genauso anstacheln wie deren Opfer werden und Typen wie Furio, importiert aus dem Mutterland, der an seiner eigenen Romantik in der neuen Welt scheitert.

Der Kultstatus, den die Sopranos in den USA erlangt und bis heute stetig ausgebaut haben, hat sehr viel zu tun mit deren Fähigkeit, der sinnentleerten und im Dogmatismus ersoffenen Bush-Ära den Spiegel vorgehalten zu haben. Toni Soprano, der wie eine Zitatensammlung aus der amerikanischen Filmgeschichte durch die Serie tobt, ist der Unwille des traditionalistischen Amerikas, sich mit den Holzköpfen aus der eigenen Abteilung abzufinden. Denn das Überleben der Tradition ist in dem Mutterland des schnellen Wandels stets nur mit einem Augenzwinkern zu bewahren gewesen. Da geht man schon mal über Leichen und hinterher zum Psychiater, oder man erwürgt den eigenen Ziehsohn und ist ganz ergriffen von reinem Vaterstolz, wenn man an die eigene Tochter denkt.

Advertisements