Die inszenierte Welt von Bodymore

The Wire. Die fünfte Staffel

Mit der insgesamt fünften Variation von Tom Waits Way Down In The Hole kommen die in der bisherigen Dramaturgie gewobenen Handlungsstränge zu einer weiteren Beschleunigung. Zu den Gangsternetzwerken, Polizeifraktionen und politischen Schachspielern gesellt sich jetzt noch die Tagespresse, die einen beträchtlichen Beitrag zu dem tatsächlichen Verlauf der Handlung beiträgt, auch wenn sie ebenso wie alle anderen Lebenswelten knallhart mit dem Schein operiert.

An unterschiedlichen Orten wie aus unterschiedlichen Motiven kommen sowohl Mordermittler McNulty als auch der junge, aufstrebende Journalist Templeton auf die Idee einer inszenierten Mordserie. McNulty wie Templeton wählen sich die Obdachlosenszene zur fiktionalen Implementierung eines Serienkillers aus. McNulty, um Fahrzeuge und Ermittler zur Verfolgung des Drogenbarons und Massenmörders Marlo Stanfield zu bekommen, Templeton , um bei seiner Zeitung The Sun die reißerischsten Storys zu platzieren und Karriere zu machen.

Beide reüssieren mit ihren Täuschungsmanövern, was im ersten Falle dank der großen Dechiffrierungskünste Freamons bei einer Abhöraktion zur Verhaftung Marlos und seiner Komplizen führt und im zweiten Fall, als dass Templeton in der hauseigenen Hierarchie an gestandenen, noch mit einem Berufsethos ausgestatteten Redakteuren vorbeizieht.

Und wieder liefert The Wire diametrale Entwicklungen und Botschaften: Bubbles gelingt der Drogenentzug und die allmähliche Wiedereingliederung ins bürgerliche Leben, der rankünewillige Omar Little, der gestenreiche Cowboy aus dem afroamerikanischen Milieu, wird durch einen Kopfschuss in die ewigen Jagdgründe befördert, ausgelöst von einem Kind vor einem Kiosk, der ausgemusterte Polizist Colvin führt den Sohn eines Drogendealers zu akademischen Würden und behält seine Selbstachtung, der ehemalige Polizist Presbo stabilisiert seine Position als Mathematiklehrer in einer Problemschule und sein ehemaliger Lieblingsschüler, der sich so lange von einer Entwicklung zum Kriminellen fernhalten konnte, hängt zum Schluss doch an der Nadel. Nach der Festnahme des Drogenbosses Marlo bricht dessen Imperium zusammen und die noch epigonal wirkende Nachwelt steckt die neuen Claims ab.

Die Täuschungen McNultys und Freamons fliegen auf, werden aber nicht geahndet, weil Oberbürgermeister Carcetti noch Gouverneur werden will. The Wire bleibt sich von seiner Dramaturgie her treu: Die alten Köpfe werden abgeschnitten wie die Zöpfe und an deren Stelle wachsen neue nach, die das Grundschema aufs Neue bedienen: Verbrechen, Korruption und politische Machtkämpfe bilden ein Konglomerat, das sich nicht mehr eindeutig entflechten lässt. Die Verlierer sind überall, auch wenn es einige Individuen schaffen, sich unbeschadet zu halten. Sie zahlen den hohen Preis der Bedeutungslosigkeit, während andere für kurze Zeit am Firmament erstrahlen, um dann als schwarze Asche auf den Boden zu rieseln. Eine großartige Inszenierung der Inszenierung: Bewegend, schauderhaft, mit liebenswerten Zügen, hässlichen Fratzen und schlummernder Schönheit. Wie das Leben eben.