Archiv für den Monat Mai 2011

Tici-taca oder die Orientalisierung des Fußballs

El Flaco, der Professor, der Mann mit den 60 Zigaretten pro Spiel, Cesar Luis Menotti, einstmaliger Trainer von und Weltmeister mit Argentinien war es, der den Fußball aus der Deutungshoheit der Biertische und Tapas Bars entriss und zu einer Disziplin machte, an der sich auch politische Geister und Philosophen reiben sollten. Mit seinem Aufsatz über den Fußball und die Dritte Welt entführte er das große Gesellschaftsspiel aus der medialen Profanität und zeigte mit seinem nokotingelben Fingern auf das, was alle schon ahnten, aber nie ausgesprochen hatten: Fußball ist Kollektivsymbolik für das Leben.

Am letzten Samstag standen sich im neuen Stadion zu Wembley vor den Toren Londons, quasi im Olymp dieser Sportart, die Teams von Barcelona und Manchester United gegenüber. Der Ausgang des Spieles war eigentlich nicht das Spannende, sondern die Frage, wie sich zwei Welten von Fußball begegneten, deren Wesen nicht unterschiedlicher sein könnte. Manchester United, trainiert von der Legende Sir Alex Ferguson, spielt einen durchaus modernen, variablen, der Gelegenheit angepassten Fußball und verfügt über technisch rasante und athletisch robuste Spieler. Man spielt das Spiel der Jäger, das Fußball seit seiner Entstehung zweifelsohne ist und legt Wert auf den finalen Abschluss.

Der CF Barcelona hingegen ist seit drei bis vier Jahren das neue Paradigma. Mit einem Stil, der auf der iberischen Halbinsel allgemein tiqui-taci genannt wird, und womit das Kurzpassspiel als zentralem Gedanken in Perfektion gemeint ist, demütigte Barca die Equipe aus Großbritannien. Nicht den Hauch einer Chance bekam die Jägerformation, denn das spanische Spiel mit dem Ball in den eigenen Reihen, technisch in einer Akkuratesse und Eleganz zelebriert, setzt zunächst das Streben nach Vollstreckung völlig außer Kraft, bis der Gegner, von der Pendelei regelrecht benommen und unkonzentriert, den letalen Schlag bekommt. Mit Spielern wie Xavi, Iniesta und vor allem Messi, die das tiqui-taci im Blut haben wie die niedrigen Colesterinwerte, hat sich eine Spielkultur entwickelt, die momentan als unbesiegbar gilt.

Das Phänomenale und Außergewöhnliche des zeitgenössischen spanischen Fußballs im Allgemeinen und des barcelonesischen im Besonderen, ist die Einführung der Prozessorientierung in ein antikes Denksystem der finalen Ergebnisorientierung. Bei tiqui-taci handelt es sich um die Kultivierung des Prozesses als Hauptziel eines Spiels, das laut Reglement immer noch mit dem Zählen der geschossenen Tore endet. Letzteres ist bei der Philosophie des tiqui-taci allerdings ein Nebenprodukt, zu dem es aber meistens reicht. Die exklusive Orientierung auf den Prozess ist es, die selbst alte Hasen des Metiers so verstört und sprachlos macht und die Frage weiterleben lässt, wie das System der Abwendung vom zählbaren Erfolg von der Erfolgsserie eigentlich abgebracht werden kann. Bei dem in Iberien entwickelten System des tiqui-taci hadelt es sich um die erfolgreiche Orientalisierung des Fußballs, der Finalismus wurde von der Prozessorientierung abgelöst. Das verursacht gewaltiges Herzrasen im ganzen Abendland, nicht nur wegen de Bedeutung für den Fußball.

Einleitung mit programmatischer Ansage

Chicago Transit Authority.

Analog zu der Band Blood, Sweat & Tears tauchte im Jahr 1967 ein Ensemble auf, das der bisherigen Entwicklung des Beat und Pop eine neue Wendung gab. Unter dem Namen Chicago Transit Authority erschien das Debutalbum der gleichnamigen, aus Chicago stammenden Band, die kurz danach den Namen nach juristischem Vorgehen der Chicagoer Verkehrsbetriebe änderten und sich nur noch Chicago nannten. Ebenfalls wie Blood, Sweat & Tears existiert diese damals um Peter Cetera und Robert Lamm gegründete Formation bis heute und blickt auf eine wechselvolle Geschichte zurück.

Mit dem Versuch, den Jazz in die damaligen Revolutionierungswellen der populären Musik zu retten, hat Chicago sicherlich einen Platz in der jüngeren Musikgeschichte erworben. Das Album Chicago Transit Authority verfügt zudem über ein Alleinstellungsmerkmal. In dem ersten Stück mit dem Titel Introduction wird die Hörerschaft tatsächlich in die programmatischen Vorstellungen der Band eingeführt, sowohl textlich, als auch musikalisch. Expressis verbis werden die Traditionen aus Jazz und Rock ´n Roll genannt und der Wunsch geäußert, die rebellischen, assoziativen wie konzertanten Mittel dieser Genres in die neue Zeit hinüberzuretten. Eskortiert wird diese Ansage durch einen für die damalige Zeit nicht mehr üblichen Bläsersatz, der an die großen Zeiten der Big Bands erinnert.

Der weitere Fortgang des Albums, der programmatisch bleibt, beinhaltet im zweiten Stück bereits mit Does Anybody Really Know What Time It Is? Einen Hit, der bis Heute, über vierzig Jahre danach, häufig durch den Äther gejagt wird. Gefolgt wird da Stück von Beginnings, ebenfalls programmatisch ausgerichtet. Die Qualität und damit die Überlebenskraft dieses Stücks ist die dialogische Genialität von Bläsersatz und exponierter Posaune sowie einer Latinorhythmik, was die Öffnung und Experimentierfreude des gerade neu geschaffenen Genres andeutet. Mit Questions 67 And 68, Listen, Poem 58, Free From Guitar, South California Purples wird der Zeitgeist hinterfragt und reflektiert. Textlich grenzt es an eine historische Interpretation, die der Hörer heute zu leisten hat. Es wird deutlich, was in der damaligen Zeit mit einem Konzeptalbum gemeint war und wie hoch intellektuell die Musiker waren, dieses sich solches vornahmen. Mit I´m A Man ist auf diesem Auftaktalbum ein weiterer Hit zu hören, der es bis ins XXI. Jahrhundert geschafft hat. Percusssionsgetrieben, mit Bass, Schlagzeug und Kongas, um dann von einer Hammondorgel aufgegriffen und von rockigen Gitarrenriffs weiter getrieben zu werden, handelt es sich dabei um ein Stück, das mehr in der Vergangenheit haften bleiben wird als Introduction, das mit seiner Jazzreferenz einfach revolutionärer war.

Chicago Transit Authority ist bis heute durchgängig hörbar, weil es experimentell und offen ist, ohne eine kompositorische Geschlossenheit und Harmonie zu verlieren. Das Album dokumentiert ein wichtiges Kapitel neuerer Musikgeschichte und ist immer noch geeignet, den Rhythmus auf die Beine zu übertragen und den Geist zu inspirieren.

Beulenpest und Aschewolke

In einer Gemeinschaft von Psychopathen und Misanthropen dürfen die wiederkehrenden Katastrophen nicht fehlen. Wie bestellt, so könnte man sagen, rotzt ein isländischer Vulkan zur gleichen Zeit wie im letzten Jahr seine Aschepartikel in die Atmosphäre und bedroht den globalen Flugverkehr. Schon damals war man bestens informiert, zumindest was die Simulationsprogramme anbetraf. Die eigentliche Aschewolke war nie gesehen und eine spätere Auswertung des groß angelegten Flugverbots mit den dazu gehörigen Analysen der tatsächlichen Gefahren hat nie stattgefunden.

Wie übrigens vieles, das die Schlagzeilen mit Katastrophen füllte. Der Absturz der nahezu kompletten polnischen Elite in Russland anlässlich der Feierlichkeiten zu dem Massaker von Kattyn wurde ebenso wenig aufgearbeitet wie der eigenartige Tod einer Berliner Jugendrichterin. In beiden Fällen dominieren Widersprüche und trotz des viel gelobten Kommunikations- und Informationszeitalters jagt man lieber Schimären nach, als sich mit dem Tatsächlichen auseinanderzusetzen.

Da ist der gerade vor ein paar Tagen identifizierte Virus, der sich nahezu wie eine Al Quaida-Zelle über den Krautsalat in unsere Küchen schleicht, mehr als willkommen. Ein nahezu sich im Suchtzustand gegenüber der diffusen Angst befindliches Volk hat es wahrscheinlich kaum noch ertragen, dass die Ereignisse in Fukuschima so langsam in dieser schnelllebigen Zeit in Vergessenheit zu geraten drohten. Und mit Epidemien kennen wir uns seit der Vogelgrippe prächtig aus. Bei den beiden Wellen, die durch den medialen Äther jagten, starben in Deutschland weniger Menschen als jährlich an Grippe. Die Vogelgrippe-Hysterie wurde nur noch übertroffen durch das Schweinegrippenphantom, das dank der Bundesregierung die Pharmaindustrie signifikant bereicherte und die Impfvorräte der Behörden ins Unermessliche steigerte.

Das Phänomenale bei den verschiedenen Anlässen wie Beulenpest und Aschewolke ist die Manipulationsgewalt über den öffentlichen Diskurs, der mit diesen Katastropheninszenierungen einhergeht. In regelmäßigen Abständen werden die lächerlichsten Bedrohungsszenarien kommuniziert, in den verschiedenen pädagogischen Übungen, die sich Talkshows nennen, wiederholt bis zur physischen Anti-Reaktion und dann durch neue Sandmännchenshows für Erwachsene ersetzt.

Wir erleben eine beträchtliche Infantilisierung der politischen Debatte, fast könnte man glauben, ein großer Regisseur wolle anhand der Verhaltensmuster der Deutschen eine Lehrstunde über die Beziehungsebenen der Transaktionsanalyse geben. Angst- und triebgesteuert taumelt eine ganze Nation unaufhörlich in den systematisierten Wahnsinn, immer neue Subkulturen, ob sozialer oder politischer Natur, können angesichts der inszenierten Katastrophen bei Hamsterkäufen beobachtet werden, die eher an das Verhalten Tante Käthes erinnern, als sie zurückkam aus dem zerbombten Berlin in die ländliche Provinz. Aber letztere hat das alles blendend überlebt und war zum Schluss, nach Inflation, Bürgerkrieg und Krieg doch noch ein zufriedener Mensch geworden, der überaus positiv auf seine Umwelt wirkte.