Mesut Özil und Manuel Neuer

Auch wenn vielen Leserinnen und Lesern die letzte Männerdomäne im Land per se suspekt ist: Der Fußball gibt immer wieder Aufschlüsse über gesellschaftliche Zusammenhänge. Sei es die Spielphilosophie, die sehr viel verrät über die psycho-soziale Disposition einer Gesellschaft, sei es das Verständnis des Raumes, das immer wieder Zeugnis ablegt über die geostrategische Dimension des eigenen Landes und seien es die Charaktere, die letztendlich das Spiel dominieren.

Brandaktuell können wir das Verhältnis von Migranten und deutscher Stammbevölkerung anhand zweier Spieler sehr gut beleuchten, die quasi täglich aufgrund ihrer Leistungen und Lebenswege in den Medien diskutiert werden. Beide stammen aus Gelsenkirchen, einem Ort, der fast schon museale Qualität besitzt, will man die typischen Lebensformen des klassischen Industrieproletariers des 20. Jahrhunderts illustrieren. Beide gingen den Weg des Fußballprofis und begannen ihre Karriere in dem Traditionsclub Schalke 04. Manuel Neuer, Jahrgang 1986, derzeit gehandelt als einer der besten Torhüter der Welt und Mesut Özil, Jahrgang 1988, Mittelfeldspieler und ebenfalls gehandelt als einer der Weltbesten, ersterer auch schon mal als „Die Wand Gottes“, letzterer als „göttliche Regie“ in den Himmel gehoben.

Das eigentlich interessante ist aber tatsächlich ihre Sozialisation und das sich daraus entwickelte Verhalten in Krisensituationen. Manuel Neuer, eher aus kleinbürgerlichen deutschen Verhältnissen, verband neben seinen sportlichen Fortschritten eine unbedingte Loyalität mit seinem Club, die erst brüchig wurde, als klar zu werden schien, dass Schalke 04 nicht das Format besaß, um ihm dauerhaft die Praxis in internationalen Wettbewerben zu bieten. Fast folgerichtig für einen derartigen deutschen Prototypen, orientierte er sich zu dem einzigen deutschen Verein hin, der das zumindest in der Vergangenheit konnte. Er ignorierte die den internationalen Markt per se. Die internationalen und die nationale Option wurden kommuniziert als eine Risikoabwägung.

Mesut Özil, unter anderem gemanagt durch seinen Vater, erkannte früh seinen gestiegenen Marktwert, verhandelte härter mit Schalke, ging früher nach Bremen und nutzte die WM, um nach Madrid zu wechseln. Er sah darin in erster Linie die Chancen, die er prompt nutzte. Er setzte sich in Madrid durch und wird in den spanischen Medien regelrecht zelebriert. Der Underdog mit Migrationshintergrund aus dem ultra-proletarischen Gelsenkirchen-Bismarck schaffte es in kurzer Zeit in die Hall of Fame des Weltfußballs und scheint sich in der spanischen Metropole pudelwohl zu fühlen.

Obwohl es sich bei Manuel Neuer und Mesut Özil um sympathische junge Leute mit außerordentlichen Fähigkeiten handelt, hat ihr Schicksal sie in sehr unterschiedliche Lebenswelten katapultiert. Die Mainstreamsozialisation eines Manuel Neuer trieb ihn aus Sicherheitsdenken in die bayrische Provinz. Dem Migranten, der sich hatte in einem feindlichen Milieu hoch kämpfen müssen, gelang der Sprung in die Welt.

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