Tici-taca oder die Orientalisierung des Fußballs

El Flaco, der Professor, der Mann mit den 60 Zigaretten pro Spiel, Cesar Luis Menotti, einstmaliger Trainer von und Weltmeister mit Argentinien war es, der den Fußball aus der Deutungshoheit der Biertische und Tapas Bars entriss und zu einer Disziplin machte, an der sich auch politische Geister und Philosophen reiben sollten. Mit seinem Aufsatz über den Fußball und die Dritte Welt entführte er das große Gesellschaftsspiel aus der medialen Profanität und zeigte mit seinem nokotingelben Fingern auf das, was alle schon ahnten, aber nie ausgesprochen hatten: Fußball ist Kollektivsymbolik für das Leben.

Am letzten Samstag standen sich im neuen Stadion zu Wembley vor den Toren Londons, quasi im Olymp dieser Sportart, die Teams von Barcelona und Manchester United gegenüber. Der Ausgang des Spieles war eigentlich nicht das Spannende, sondern die Frage, wie sich zwei Welten von Fußball begegneten, deren Wesen nicht unterschiedlicher sein könnte. Manchester United, trainiert von der Legende Sir Alex Ferguson, spielt einen durchaus modernen, variablen, der Gelegenheit angepassten Fußball und verfügt über technisch rasante und athletisch robuste Spieler. Man spielt das Spiel der Jäger, das Fußball seit seiner Entstehung zweifelsohne ist und legt Wert auf den finalen Abschluss.

Der CF Barcelona hingegen ist seit drei bis vier Jahren das neue Paradigma. Mit einem Stil, der auf der iberischen Halbinsel allgemein tiqui-taci genannt wird, und womit das Kurzpassspiel als zentralem Gedanken in Perfektion gemeint ist, demütigte Barca die Equipe aus Großbritannien. Nicht den Hauch einer Chance bekam die Jägerformation, denn das spanische Spiel mit dem Ball in den eigenen Reihen, technisch in einer Akkuratesse und Eleganz zelebriert, setzt zunächst das Streben nach Vollstreckung völlig außer Kraft, bis der Gegner, von der Pendelei regelrecht benommen und unkonzentriert, den letalen Schlag bekommt. Mit Spielern wie Xavi, Iniesta und vor allem Messi, die das tiqui-taci im Blut haben wie die niedrigen Colesterinwerte, hat sich eine Spielkultur entwickelt, die momentan als unbesiegbar gilt.

Das Phänomenale und Außergewöhnliche des zeitgenössischen spanischen Fußballs im Allgemeinen und des barcelonesischen im Besonderen, ist die Einführung der Prozessorientierung in ein antikes Denksystem der finalen Ergebnisorientierung. Bei tiqui-taci handelt es sich um die Kultivierung des Prozesses als Hauptziel eines Spiels, das laut Reglement immer noch mit dem Zählen der geschossenen Tore endet. Letzteres ist bei der Philosophie des tiqui-taci allerdings ein Nebenprodukt, zu dem es aber meistens reicht. Die exklusive Orientierung auf den Prozess ist es, die selbst alte Hasen des Metiers so verstört und sprachlos macht und die Frage weiterleben lässt, wie das System der Abwendung vom zählbaren Erfolg von der Erfolgsserie eigentlich abgebracht werden kann. Bei dem in Iberien entwickelten System des tiqui-taci hadelt es sich um die erfolgreiche Orientalisierung des Fußballs, der Finalismus wurde von der Prozessorientierung abgelöst. Das verursacht gewaltiges Herzrasen im ganzen Abendland, nicht nur wegen de Bedeutung für den Fußball.

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