Avantgarde und Traditionalismus

Die Suche nach Identität ist stets eine Signatur für den Übergang. Wer nicht mehr mit den traditionellen Mustern der eigenen Identität zufrieden ist, glaubt zu bemerken, dass sie ihn nicht mehr in seiner Multidimensionalität erfassen. Es sind Zeiten, in denen der Disput Hochzeiten erlebt, denn es beginnt ein gesellschaftliches Ringen um die Zukunft. Diejenigen, denen das traditionelle Bild noch gefällt, verspüren ein großes Unbehagen gegenüber den tatsächlichen Bewegungen der Neuerung. Die Traditionalisten verteidigen aggressiv ihre alten Formen und Werte, während die Avantgardisten darüber wetteifern, wie das Neue zu gestalten und zu benennen ist.

Während der Traditionalismus sich in der Regel auf Strukturen und Ressourcen fokussiert, konzentriert sich die Avantgarde vor allem auf neue Lebensformen, die noch gar nicht über großartig herausgearbeitete Strukturen verfügt. Diese Art der Auseinandersetzung ist so alt wie die Zivilisation selbst, Spiritualismus und Sensualismus, Materialismus und Idealismus, Traditionalismus und Avantgarde, es handelt sich um das Kraftfeld von Gesellschaften, die permanent in Bewegung sind und somit ein Ausdruck kontinuierlicher Veränderung.

Das Sinnstiftende von Gesellschaften ist die Dominanz eines Paradigmas, das von der großen Mehrheit als die für das Leben zutreffende Erzählung akzeptiert wird. Avantgarde und Traditionalismus schreiben bei diesem Paradigma um die Wette und letztendlich entscheiden sowohl die Plausibilität wie die politische Macht, welche Erzählung die Gesellschaft für eine überschaubare Periode beherrscht.

Die Skyline der Weltmetropole New York dokumentiert in ihrer Schichtung wie kaum eine andere Architektur die verschiedenen geschichtlichen Epochen des Denkens in Wirtschaft, Politik und Kultur. Vom Woolworth Building, über das Chrysler, General Electric, Empire State Building und letztendlich bis zu dessen Zerstörung das World Trade Center wurden der Handel, die Industrie in ihren unterschiedlichen Entwicklungsstufen, der staatliche Imperialismus sowie der Weltfinanzkapitalismus quasi in einem Schichtenmodell in der urbanen Architektur verewigt. Alle Monumente entstammten aus der Avantgardephase, d.h. der Pioniergedanke stand jeweils im Vordergrund.

Sowohl die Architektur wie die gelebte Kunst von Gesellschaften verdeutlichen den Duktus der eigenen Identitätsstiftung. Es wird deutlich, ob es überhaupt einen Konsens über eine gemeinsame Identität gibt, und wenn ja, ist diese Identität eher traditionalistisch oder avantgardistisch geprägt. Und nicht jede Verpackung muss mit einer qualitativen Festlegung einhergehen. Da gibt es traditionalistische Weltbilder, die sind kritisch wie selten, und da kommen avantgardistische Eliten daher, die sind stumpf und blasiert wie die finsterste Reaktion. Die Fixierung auf das Etikett kann zu letalen Fehleinschätzungen führen. Entscheidend für den Charakter der Bewegung ist immer die konkrete Lebenspraxis, auch wenn das ein stehendes Motto der Avantgarde ist!