Westliche Wahnvorstellungen

Es korrespondiert schon lange nicht mehr mit dem offiziellen Anspruch. Der Westen, ob europäisch oder amerikanisch, hat sich längst in die moralische Phalanx so genannter Schurkenstaaten eingereiht. Der Fall, in jeglicher Hinsicht, der Fall Muamar Al Gaddafis dokumentiert in erschreckender Weise, wie die Mechanismen der Propaganda funktionieren. Da wird jetzt heftig gefeiert, dass der Tyrann, Terrorist und Mörder endlich nicht mehr lebt, nachdem man Jahrzehnte beste Beziehungen gepflegt hat, mit dem Tyrannen und Mörder. Selbst Lockerbie hatte man ihm verziehen, solange das Öl wieder lief, solange er alle einfing, die den darbenden Kontinent Afrika gen Europa verlassen wollten und solange er mit triefenden Petrodollars Waffen aller Art und neuester Technologie bar bezahlte.

Dann, im Zuge der völlig überschätzten und als Element der Propaganda genutzten Facebook-Revolutionen in der arabischen Welt, sah man, dass die Zeit des Tyrannen veronnen war und sich Widerstand regte, im Land der Tuareg- und Berberstämme, die sich bekriegen und Allianzen schließen, wie sie es schon immer taten. Und als klar war, dass er sich nicht mehr halten konnte, der Tyrann und einstige Partner, landete der deutsche Außenminister im Wüstensand und erkannte eine Fraktion des Widerstandes an, ohne Mandat des deutschen Souveräns und wohl auch ohne Kenntnis darüber, was denn eigentlich los ist, im Inneren Libyens, das nun dem Nenner der Gemeinsamkeit einen Kopfschuss verpasst hat und vor dem Anfang steht, den keiner so richtig definieren kann.

Die Analphabeten der arabischen Welt, die sich in Nachrichtensendungen und Talkshows dicke tun und mit ihrem Caféhaus-Halbwissen erklären, wie die islamischen Herzen schlagen, lesen allenfalls den Kaffeesatz der vielen Tassen, die sie konsumieren. Anders wäre es nicht zu erklären, dass sie mit Demokratisierungskonzepten der Nachkriegs-Re-education-Ära daherkommen und weismachen wollen, es ginge in Syrien, im Libanon, in Ägypten, in Tunesien, Libyen, Algerien oder Marokko um Demokratie a la Jefferson, Locke oder Rousseau. Ja Heia, wo ist denn da die interkulturelle Kompetenz, von der in jeder Talkrunde so gerne schwadroniert wird und gerade diese medialen Weltenbummler so gerne schwafeln?

Es gleicht einer Fata Morgana, aus den historisch-gesellschaftlichen Bedingungen der arabischen Welt nun ein Paradigma ableiten zu wollen, das in den gemäßigten Zonen der protestantischen Industrialisierung entstanden ist. Dieser Unsinn verstellt nur den eigenen Blick für die Kreativität der dortigen Bewegungen und er festigt bereits heute, am Tage Null, das Modell der Self Fulfilling Prophecy, dass der Muselmann eben doch nichts zustande bringt. Das alles ist ein Muster, welches nicht zu einem respektvollen Dialog führt, sondern schon in seiner Genese dazu angelegt ist, in einer erneuten Enttäuschung zu enden. Der Westen scheint nichts gelernt zu haben aus einem Jahrhundert der Entkolonisierung und die interkulturelle Kompetenz fällt weit hinter die der arabischen Welt zurück.