Beautiful Maladies

Es ist ein uraltes Phänomen und in der Psychoanalyse nennt man es traditionell Projektion. Es geht dabei um die kritische Beobachtung einer Erscheinung bei anderen, die in einer scharfen und überdimensionierten Kritik endet, die gespeist wird durch unbewusste Ressentiments gegen die eigene Fehlerhaftigkeit. Der Volksmund, dem die akademische Bildung nicht selten so etwas wie Einfalt zu attestieren sucht, hat dieses Phänomen längst erkannt und in eine allgemein verständliche Sprache übersetzt. Dort heißt es, man hasse bei anderen das am meisten, dessen man selbst nicht Herr werde.

Bei der Betrachtung Griechenlands als einem Staat und einer Volkswirtschaft, die viele Anlässe zur Kritik an ihrer Entwicklung anbieten, fiel es bereits schon leise auf. Dort appellierte sowohl die Presse als auch Teile Politik an das Ressentiment. Es wurde von institutionalisiertem Müßiggang gesprochen, von einer Selbstversorgungsmentalität und das alles, wie sollte es anders sein, auf „unsere“ Kosten. Wenig Wochenarbeitszeit im Öffentlichen Dienst, frühes Pensionseintrittsalter und extrem hohe Pensionen. So etwas wirkt in einem Land, in dem die Renten reduziert werden und das Eintrittsalter nach oben gesetzt wird.

Nun, beim nächsten Kandidaten der Krise durch eigene Misswirtschaft, wiederholen sich diese Argumente. Hinzu kommt der generelle Vorwurf einer viel zu großen Bürokratie, einer desolaten Infrastruktur und einer Entscheidungsträgheit, die auf den bürokratischen Moloch zurückzuführen ist. Um es gleich zu sagen: manche Punkte dieser Analyse sind durchaus zutreffend, Bürokratisierung schadet der Wirtschaft, zu lange Entscheidungsprozesse behindern notwendige infrastrukturelle Innovationen und Kompetenzgerangel behindert Produktivität.

Bei der Kondensierung der kritischen Argumente in der Fällen Griechenland und Italien fällt nur eines auf: Die meisten Punkte treffen auch auf die Bundesrepublik zu. Parlamente, die von einer korporierten Beamtenschaft dominiert werden, haben es seit Jahrzehnten zugelassen, dass keine Rückstellungen für Beamtenpensionen vorgenommen wurden. Ein Berg ist herangewachsen, der demnächst die Staatsausgaben dramatisch erhöhen wird. Die Folge ist eine weitere Steuerbelastung der produktiven Elemente der Volkswirtschaft. Infrastrukturmaßnahmen dauern in ihrer Genehmigung manchmal mehr als ein Jahrzehnt, wofür der Transrapid oder Stuttgart 21 sehr beredte Beispiele sind.

Und die Tendenz zu einer weiteren Bürokratisierung ist hier noch schlimmer ausgeprägt als woanders. Die Entmündigung der Gesellschaft durch eine verdichtete Rechtsnormierung ist nicht nur weltrekordverdächtig, sondern führt letztendlich zu einer Aufblähung der Bürokratie wie nie zuvor. Hinzu kommt die wachsende Tendenz, gesetzlich erforderliche Leistungen durch das bürokratische Monopol selbst erledigen zu lassen, anstatt nach Partnern zu suchen, die einer kompetenten Durchführung gewachsen sind.

In Anbetracht der Analogien der kritisierten Phänomene in Griechenland und Italien stellt sich natürlich die Frage, wieso diese Länder mit ihrer Verschuldung und Bürokratisierung an der Klippe stehen, während es in Deutschland vermeintlich noch ganz passabel aussieht. Zum einen ist der produktive Sektor größer und erfolgreicher, allerdings mit einer zunehmenden Neigung, sich nicht mehr pressen zu lassen, zum anderen bewirkt die Gesamtgröße einen langsameren Niedergang. Letzterer ist jedoch nicht nur zu befürchten, sondern längst festzustellen.

Letztendlich stellt sich die Frage, ob es analog zu den Staaten in Südeuropa erst dann zu gesellschaftlichen Verwerfungen kommt, wenn der Staatsbankrott bereits mit weißer Kreide an jeder Straßenecke steht.