Archiv für den Monat November 2011

Rumble in Hackensack

Sonny Rollins Quartet: Tenor Madness

Manche Ereignisse von weit reichender Bedeutung kommen nicht selten eher bescheiden daher. So mochte der Qualitätsprüfer von Ford, ein gewisser Oswald Krause, nicht geahnt haben, dass seine Initialen einmal weltweite Bedeutung erlangten, ohne dass man sich seiner noch erinnerte. Und die Briten werden es heute noch bereuen, die deutschen Eisenbahnbauer mit dem Signet Made in Germany diskriminiert haben zu wollen. Als am 24. Mai 1956 der junge Sonny Rollins ins Studio Hackensack in New Jersey ging, um mit der Rhythm Section von Miles Davis einige Aufnahmen einzuspielen, war es kein Zufall, dass sich auch John Coltrane einfand, der damals bereits zu einer Ikone in der Jazzwelt wurde. Und so kam es, dass der 26jährige Sonny Rollins dem vier Jahre älteren Giganten Coltrane den Kampf ansagte. Was folgte, war Tenor Madness.

Das Stück hatte mit einem Duett begonnen, das tatsächlich mit unter dem Titel Tenor Madness in die Geschichte eingehen sollte. Nach dem unisono gespielten Thema folgten die ersten Variationen des jeweiligen Gegenspielers. Auffallend ist die charakteristische Kontur der Beiden. Dem kristallinen und klaren Ton Coltranes steht ein kraftvoller, markanter, aber ungeschliffener Rollins´gegenüber. Und während Coltrane seine Läufe in rasender Geschwindigkeit durch die Sphäre schießt, schlägt Rollins krächzend, wie mit einem tonalen Meißel, die Akkordfolgen in seine Sequenzen. Da konkurrieren und korrespondieren Virtuosität und Ausdruck miteinander, ohne das auf der Gegenseite die Brillanz des anderen zu vermissen wäre. Tenor Madness zeigt das Aufeinandertreffen zweier Giganten des Tenor Saxophons und das Initial für eine Entwicklung, die beide Musiker mit ihrem lakonisch geführten Konkurrenzkampf nicht beabsichtigt hatten.

Generationen von Tenoristen nach ihnen nahmen Tenor Madness zum Anlass inoffizieller Weltmeisterschaften. Jeder, der etwas auf sich hielt und meinte, seinen Anspruch auf Meisterschaft reklamieren zu können, arbeitete sich an Tenor Madness ab. Und obwohl nicht selten messerscharfe Hochgeschwindigkeitsläufe und krächzende Akkorde dabei herauskamen, die geniale, nahezu saurierhafte Artikulation eines Sonny Rollins oder die außerirdische Inszenierung des Crescendo eine John Coltranes wurden nie erreicht.

Es sei erwähnt, dass bei der vorliegenden CD, die aus der Serie der Rudy Van Gelder Remasters – übrigens in einer bestechenden Qualität, nicht nur was die Klangschärfe, sondern auch die Dynamik betrifft – stammt, Sonny Rollins noch auf vier weiteren Stücken mit Red Garland (piano), Paul Chambers (bass) und Philly Joe Jones (drums) zu hören ist.

Durchweg besticht der damals neuartige, heute so unverkennbare Stil Sonny Rollins, genauso wie die Exzellenz der Musiker aus der Miles Davis Formation zu identifizieren sind. Bei When Your Lover Has Gone sind es der Basslauf von Paul Chambers und die Drumbridge von Philly Joe Jones, Bei Paul´s Pal ist es wiederum Paul Chambers, der demonstriert, wie die Avantgarde der fünfziger Jahre die Freiheit des Bass entdeckte und bei My Reverie ist es Red Garland, der einen Teppich legt, der besser nicht sein könnte als spärliches Ornament für den groben Tonduktus Sonny Rollins.

Tenor Madness ist ein Schlüssel zum Verständnis des modernen Jazz schlechthin.

Der Rodin des Hardbob

Sonny Rollins bei Enjoy Jazz

Als Abschlusskonzert des diesjährigen Enjoy Jazz Festivals, das sich längst als eine der europäischen Adressen des zeitgenössischen Jazz etabliert hat, haben sich die Veranstalter den Auftritt des 81jährigen Sonny Rollins ausgedacht. Der Saxophone Colossus, der mit seinem Werk zu den großen Linien des Jazz des 20. Jahrhunderts gehört, geht immer noch auf Tournee und erschien im Ludwigshafener Pfalzbau, um dem Publikum Einblick in seine Werkstatt zu geben. Wer damit gerechnet hatte, einen berühmten und betagten Mann zu sehen, der eine Referenz an sein zurückliegendes musikalisches Schaffen geben will, hatte sich getäuscht.

Der Mann, der genauso mit Miles Davis gespielt hat wie mit Coleman Hawkins, der in Harlem aufwuchs, dessen Eltern jedoch von den Jungferninseln kamen und mitverantwortlich sind für weltberühmte karibische Melodielinien des Sohnes, der Mann, der in frühen Jahren hoch auf der New Yorker Williamsburg Bridge mit dem Saxophon stand und seine Akkordfolgen in die urbane Metropole schlechthin rotzte, erschien mit einer vierköpfigen Band, deren Aufgabe es war, einen Teppich zu legen für dieses musikalische Urgestein, das trotz physischer Gebrechen nicht daran dachte, zurück zu schauen.

Vom ersten Ton an führte er das den Atem anhaltende Publikum in die Werkstatt seiner musikalischen Gestaltung, in der er sofort begann, sich an einem kolossalen Rohling abzuarbeiten. Ton für Ton meißelte er sich in die Grundidee ein, die nach wie vor aus der Kontur des Hardbob besteht. Der einzelne Ton figuriert zwischen der spröden Grundaussage, der handwerklichen Figur des Meisters und der Emotion des Gestaltenden Individuums. Das kam mal genauso mühevoll, wie es angebracht war und mal so hastig, wie es der Produktionsprozess manchmal hervorbringt. Die Authentizität jedes einzelnen Tones wie jeder Akkordfolge war immer gegeben und wie es im Prozess der künstlerischen Gestaltung ist, je länger Sonny Rollins an der Skulptur dieses Abends meißelte, desto stärker wurden die einzelnen Handgriffe und desto flüssiger die aufeinander folgenden Sequenzen.

Das positiv irritierende an diesem Auftritt war die Nonchalance, mit der Sonny Rollins sein bisheriges Werk ignorierte und der Wert, dem er dem Prozess der Improvisation zumaß. Die Reminiszenz tauchte dann auch nur als verfremdetes Zitat auf, wie zum Beispiel bei In A Sentimental Mood, bei dem er das Thema lediglich herzerweichend einspielte, um dem ewigen Gefährten Bob Cranshaw am Bass Improvisation und Melodieführung fast komplett zu überlassen und selbst nur noch Zwischenrufe zu artikulieren, die die Akkordfolgen begleiteten und dramatische Risse in das Konzept der scheinbar heilen Melancholie zu fügen.

Sonny Rollins entführte das Publikum in die Räume seines Schaffensprozesses, er erlaubte einen Einblick in die Prinzipien der rauen musikalischen Gestaltung und gestattete die Zeugenschaft in die Mühen der Meisterschaft. Dass der Genius das Schelmische nicht verloren hat, bezeugte er mit dem Finale, als er Marlene Dietrichs Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt nicht nur mit dem Tenor spielte, sondern, auch als eine Referenz an das deutsche Publikum, als englische Version Falling In Love Again (Can´t Help It) augenzwinkernd sang. Das war eine jener Nächte, die man zeitlebens nicht vergisst!

Ein souveräner Tanz auf dem Parkett der Männer

Texas scheint ein gutes Pflaster zu sein für Frauen, die sich etwas trauen. Bei allen emanzipatorischen Traditionen, die im Blues stecken, so war er doch immer eine Domäne der Männer. Der Machismo, der in den klassischen Blues Songs steckt, ist so schreiend, dass er per se schon jede Frau abschrecken müsste, sich darauf einzulassen. Die 1972 in Houston geborene Carolyn Wonderland ist zwar fast dreißig Jahre nach der aus dem texanischen Port Arthur stammende Janis Joplin unterwegs und ihre Art, den Blues mit Leben zu füllen, ist eine andere, doch an Chuzpe steht sie ihrer großen Schwester nicht viel nach. Sozialisiert wurde sie quasi in der 6. Straße von Austin, wo ein Club neben dem anderen ist und auf jeder Bühne Akkorde angeschlagen werden, wie das dort schon Stevie Ray Vaughan, Albert Collins oder Omar gemacht haben.

Mit Peace Meal bringt Carolyn Wonderland bereits ihr neuntes Album heraus. Nach programmatischen Titeln wie Groove Milk, Bursting With Flavour, Alkohol And Salvation, Bloodless Revolution und Miss Understood, die daher kamen, als beschrieben sie die einzelnen Lebensabschnitte der jungen Frau, ist rechtzeitig zum bevorstehenden vierzigsten Geburtstag die innere Mitte gewonnen.

So handelt es sich bei Peace Meal um einen Überblick über die einzelnen Facetten der Gitarristin und Sängerin. In den meisten Stücken spielt sie in dem ihr vertrauten Trio zusammen mit Cole El-Saleh an den Keyboards und Robert Michael Hooper an den Drums. What Good Can Drinkin´Do, Victory of Flying, Only God Knows When sind Referenzen an das Blues-Klischee schlechthin, gut arrangiert, mit den aus dem Jig entstandenen Riffs auf einer trocken und ehrlich gespielten Gitarre. Die folgenden St. Marks und Golden Stairs sind Blues-Balladen, die von ihrem Design sehr an die siebziger Jahre erinnern, sehr gut realisiert werden, aber dennoch von der Dynamik etwas abfallen und zuweilen eher an Ian Andersons Interpretationen bei Jethro Tull erinnern als an das, was dann folgt. Mit dem Klassiker Dust My Broom, der so alt ist wie der Blues selbst, erwirbt Carolyn Wonderland den Meistertitel, da steht das Herz für einen Moment still, weil man erstmal begreifen muss, dass da eine junge Frau mit klirrenden Stiefeln durch die Männerdomäne tanzt, und man sieht förmlich, wie die sich die Augen reiben und für einen Augenblick dieses blödsinnige Gewese um die Rollenaufteilung vergessen, weil sie von einem Groove über den Holzboden getrieben werden wie kleine Schäfchen.
Die folgenden Stücke sind eine Referenz an das aktuelle Schaffen, vom Electric Blues, über die von der Orgel getragenen Ballade bis hin zu Shine On, einem besinnlichen Rezitat, das nicht nach einer Zuordnung zu einem besonderen Genre schreit.

Carolyn Wonderland galt schon lange als dezenter Tipp, mit Peace Meal stellt man sich die Frage, warum in der Blueswelt immer noch bei Texas nur an Stevie Ray Vaughan, Johnny Winter, Omar, Johnny Guitar Watson und wie sie alle heißen gedacht wird, aber nicht an die großartigen Frauen, nicht nur in der Vergangenheit, sondern auch die, die abends in Austin auf der Bühne stehen!