Virtuose Dekonstruktionen

Cannonball Adderley; Somethin‘ Else

Der Mann aus Florida, den sie alle aufgrund eines Versprechers Cannonball nannten, war ein Aktivposten bei den berühmtesten Jazz-Alben aller Zeiten. Im Dialog mit John Coltrane brillierte er kongenial auf Miles Davis´ Kind of Blue, jenem Album, von dem sich die Behauptung hält, man könne es sich in jeder Großstadt der Welt beim Nachbarn ausleihen. Dennoch, obwohl Julian Edwin „Cannonball“ Adderley mit den Top-Jazzern seiner Zeit spielte und selbst großartige Musik gemacht hat, erscheint er bis heute nicht auf den großen Schlagzeilen. Das muss nicht weiter stören, denn bei jenen, die sich an den phänomenalen Entwicklungen erfreuen, die Bebop und Hardbop hervorgebracht haben, steht Cannonball, Adderley ganz oben auf dem Zettel.

Das vorliegende Album Somethin´ Else, 1958 im Van Gelder Studio in Hackensack, New Jersey, aufgenommen, zählt zu den Marksteinen des Hardbop. Das liegt zum einen an der Besetzung, die sich liest wie das Who is Who jener Zeit, mit Miles Davis (trumpet), Hank Jones (piano), Sam Jones (bass) und Art Blakey (drums) hatte Adderley Musiker an seiner Seite, die als Solisten zu den besten ihres Faches gezählt werden mussten und intellektuell in der Lage waren, ihm in jede Region der Improvisation zu folgen.

Das Interessante an Somethin´ Else ist unter anderem, dass Cannonball Adderley, von dem es zahlreiche fulminante Eigenkompositionen gibt, auf diesem Album teilweise die Konzentration auf die Interpretation von längst etablierten Standards setzte. Ein Album jener Zeit mit einem Gassenhauer wie Autumn Leaves zu eröffnen, setzte sehr große Chuzpe voraus und wäre nicht das Werk der zitierten Musiker, wenn daraus nicht etwas geworden wäre, das man sich nicht oft genug anhören kann. Während Hank Jones die ersten Akkorde wie zu einer Moritat intoniert und Miles Davis mit einer schaurig epischen Tonführung untermalen lässt, wartet Adderley mit seiner Interpretation der Melodieführung, bis Blakey einen Rhythmus unterlegt, der das Regelmaß des Verfalls zum Ausdruck bringt. Das ist die Dekonstruktion eines Standards auf allerhöchstem Niveau, da entsteht eine Aussage, die die Textblöcke eines bekannten Aufbaus außer Kraft setzt und keinem neuen Gedanken den Zugang versperrt.

Und in dem berühmten Cole Porter Song Love For Sale übernimmt Miles Davis wieder den klassischen Part der Melodieführung und überlässt Cannonball Adderley die Demontage der alt bekannten Weise, was diesem mit einer Fulminanz gelingt, die dadurch befremdet, weil die Häresie hier etwas Leichtes und Beschwingtes verströmt. In Somethin´ Else, der Miles Davis Komposition, fordert Davis Adderley zu einem Duell, das leichtfüßiger nicht daher kommen könnte. Und in der Komposition One For Daddy-O von Adderleys Bruder Nat wird man in kristalliner Form noch einmal Zeuge der ganzen Virtuosität dieses Altsaxophonisten, dessen Spielweise wohl für alle Zeiten eine Herausforderung für die Musiker dieses Instrumentes sein wird.

Somethin´ Else ist ein Album, das wegen der Qualität seiner musikalischen Botschaften in die große Diskographie des Jazz unbedingt gehört. Und Cannonball Adderley wird trotz seines viel zu frühen Todes noch viele herausfordern, die meinen, das Altsaxophon sei ein cooles Instrument.