Das Entmündigende des Positivismus

Vorbei ist die Zeit der langen Sätze. Kurz, knapp, prägnant! Beginnen sollst du immer mit dem Verb. Aushalten tut das keiner mehr. Das lange Warten auf das Prädikat. Erforderlich ist eine neue Syntax. Überlebt das alte Schema, Subjekt, Prädikat, Objekt. Stattdessen: Prädikat, Subjekt. Muss es unbedingt sein, dann auch noch ein Objekt. Angepasst wird die Sprache an die Funktionsweise der Suchmaschinen. Es sind die Assoziationen, denen das Augenmerk gilt. Technik ist Audi, Gold ist Becks, Pflege ist Nivea und Das Auto ist VW. Schlichte Syntax und immer die gleiche Assoziation. Das ist Neusprach! Oder, wie es George Orwell in seinem längst durch die Realität überholten Roman 1984 genannt hat, Incsoc.

Was für Werbetexter gilt, hat längst Einzug gefunden in die Politik und deren Beratung. Die Zunft der Spindoctors glaubt, man müsse der deformation digitale eine Brücke zum Verständnis bauen. Die Reduzierung der Sprache auf einfache Kernbotschaften mit eindeutigen Bildassoziationen geht aus von der eingeschränkten und ausschließlich noch unterbewussten Kenntnisnahme von Informationen durch die Individuen. Bewusste, kognitiv gesteuerte Wahrnehmung und Reflexion findet nach den Konzepten der neusprachlichen Kommunikation nicht mehr statt. Sie unterstellt nicht nur die qualitative kognitive und intellektuelle Deformation der Zielgruppen, sondern sie setzt auf deren Manipulierbarkeit und weitere Entmündigung.

Das, was daher kommt als eine nonchalante Adaption aus der Werbebranche, ist der Versuch der Herrschaftsausweitung über die erschlafften Gehirne. Und machen wir uns nichts vor! Vieles von dem, was da in den Konzepten steht, ist keine böse Vision für die Zukunft, sondern längst Realität. Die tägliche Anwendung der Kommunikationselektronik verändert unsere Denkapparate und das Denken selbst. Der partikulare, in logischen Beziehungen stehende Aufbau des Denkens und seine sprachliche Entsprechung weichen mehr und mehr dem phänomenologischen Cloud-Thinking, holistischer Begriffsnebel, die andere Assoziationen zulassen, als wir sie bis heute kannten, aber auch Wege verbauen in eine Kausalität, die immer noch als Wiege der Vernunft verstanden werden muss.

Der Positivismus, Oberbegriff für die qualitative Begründung bloßer Quantität und des Siegeszuges zahlenmäßigen Nutzens, hat die Entwertung gesellschaftlichen Handelns zum Prinzip gemacht. Alles, was sich durchsetzt, ist erfolgreich und alles, was erfolgreich ist, besitzt die Legitimation, es zu tun. Schauen wir uns um, so stellen wir fest, dass diese Prinzipien und Denkweisen unser Leben beherrschen. Das Urprinzip des Kapitalismus, die höchst mögliche Verwertung, ist zum moralischen Prinzip politischen Handelns geworden. Politik, die positivistisch vorgeht, kann nie kritisch sein, sie vollstreckt nur den Verwertungswillen und perfektioniert die Entfremdung.

So charmant vieles klingt, was aus der Werbebranche in unsere Lebenswelten dringt, es ist der Einzug und die Herrschaft der Kapitalverwertung. Wer der neuen Syntax folgt, hat sich als bewusst handelndes Subjekt bereits aufgegeben. Neusprach.2! Logo.2! 2012, Brave New World!