Informelle Erziehungsinstitutionen

Es ist noch gar nicht solange her, da berichteten deutsche USA-Reisende voller Spott von Erlebnissen mit dem amerikanischen Fernsehen. Da hatte man dann schon morgens im Motel beim Zähneputzen Spots im TV gesehen, in denen davor gewarnt wurde, das eigene Haustier in der Microwelle zu trocknen oder mit einer brennenden Zigarette im Mund beim Tanken in den eigenen Füllstutzen zu schielen, um sich zu vergewissern, ob er auch voll ist. In den achtziger und frühen neunziger Jahren des letzten Jahrhunderts sorgten derartige Erlebnisse noch für große Belustigung. Ein Blick auf das zeitgenössische Fernsehen hierzulande lässt allerdings feststellen, dass das Phänomen zu uns über den Atlantik geschwappt ist.

Die stereotype Erklärung für alles, was einem nicht schmeckt, es handele sich halt um die Amerikanisierung, ist eine gesonderte, eher psychoanalytische Betrachtung wert, weil die Ambivalenz der Deutschen zu den USA eine besondere ist. Jenseits der Polemik ist jedoch in den erwähnten Spots diesseits und jenseits des Atlantiks eine Entwicklung zu beobachten, die etwas zu tun hat mit der Erosion der traditionellen formellen wie informellen Erziehungsinstitutionen.

Bleiben wir in unserem eigenen Land. Wie so oft gehen wir in Deutschland einen Sonderweg, in dem wir Erziehung und Bildung trennen, d.h. die Erziehungsleistung wird sogar gesetzlich exklusiv dem Elternhaus zugesprochen, die Vermittlung von Wissen hingegen der Schule und nachfolgenden staatlichen Institutionen. Das hat einige Jahrzehnte ganz gut funktioniert, seit nahezu zwanzig Jahren wird jedoch beklagt, dass die Erziehung immer weniger in den Elternhäusern vonstatten geht und wir es daher mit einem dramatischen Mangel an sozialer Kompetenz und einem Verfall der Werte zu tun haben. Das scheint zum Teil zuzutreffen, trifft aber nur einen, wenn auch wichtigen Aspekt.

Einer der größten Erzieher im letzten Jahrhundert war die Industrie. Das hohe Maß an Organisation und die Notwendigkeit, mit großen Menschenmassen innerhalb diesem hohen Organisationsgrad zu agieren, hat dazu geführt, dass das klassische Proletariat in Bezug auf soziale Verhaltensnormen mehr in der Fabrik als in der eigenen Familie gelernt hat. Mit dem quantitativen Niedergang der Industrieproduktion in einem Land wie Deutschland hat sich der wohl größte Erzieher jenseits der Elternhäuser verabschiedet. Individualisierung und auch wirtschaftlich freie sowie temporäre Assoziation haben aus der Referenz der Massenproduktion ein Museumsstück gemacht.

An ihre Stelle sind in starkem Maße die Medien getreten, die jederzeit zugänglich sind und den Verlust direkter sozialer Kontakte seit langem kompensieren. Und ähnlich wie in den noch vor wenigen Jahrzehnten verspotteten US-TV-Spots, sind es nun hierzulande so genannte Reality-Shows, die die Misere schildern. In Gerichtsepisoden wird mit abstrusen, aber doch wohl massenhaft vorkommenden Sozialmustern das hiesige Rechtssystem erklärt und in Polit-Talkshows paradigmatisch über politische Sachverhalte und die dazu notwendigen Entscheidungen räsoniert. Die Medien sind längst zur informellen, aber wirkungsvollen Erziehungsinstitution Nummer Eins geworden und haben die Industrie abgelöst. Angesichts dieses Stellenwertes ist es inakzeptabel, sich von ihnen mit einer nonchalanten Haltung zu distanzieren. Sie sind zu Zentren der Macht und Indoktrination geworden und nicht die Privatangelegenheit von Unterschichten.