Circus Maximus

Nur im Erfolg berauscht sich die Menge an der warmen Strömung der Einigkeit. Sobald das Scheitern sein hässliches Gesicht vorzeigt, macht sich Zwietracht breit. Insofern ist alles, was wir nach dem Ende der Fußballeuropameisterschaft erleben, immer mit Blick auf den Erfolg oder Misserfolg zu bewerten. Alles richtig gemacht haben, vom berühmten Ende her gedacht, nur die Spanier. Die waren längst nicht so brillant wie in den letzten großen Turnieren, nervten sogar das Publikum mit ihrem ewigen Tiki-Taka, hatten ungemein großes Glück durch eine Fehlentscheidung des Schiedsrichters oder einen schwach geschossenen Elfmeter des Gegners, aber als es darauf ankam, da waren sie da und zeigten ihre Klasse. Und an diese Klasse ragt zumindest in Europa niemand heran. Portugal war im direkten Vergleich die einzige Mannschaft, die es hätte tun können.

Anders dagegen die Deutschen, die mit hohen Erwartungen anreisten, wenig schön anzusehende Spiele ablieferten, aber kalt berechnend bis ins Halbfinale vordrangen, wo sie ihrem Nationalcharakter erlagen: Im Kopf schon im Endspiel und auf dem Platz vernascht wie Jungs aus der Provinz. Wie das ging zeigten die Italiener in diesem Spiel, die bis auf das Finale, in dem sie mit fliegenden Fahnen untergingen, einen herrlichen Offensivfußball spielten. Mit Buffon hatten sie einen Torwart, der vielleicht ein letztes Mal über allen anderen seiner Zunft stand. Mit Pirlo einen Künstler, der den Fußball zelebrieren kann wie eine italienische Oper und mit Balotelli einen Vollstrecker, der etwas Gladiatorenhaftes ausstrahlte. Das war im besten Sinne Circus Maximus und der eigentliche Höhepunkt des Turniers.

Hervor stachen noch die Iren, die sportlich als Außenseiter kamen und wieder fuhren, deren Anhang aber zeigte, wie sinnstiftend sportliche Begeisterung sein kann und wie viel wohl gemeinte Identität dem entspringen kann. An Sportsgeist hat es den Insulanern sowieso noch nie gefehlt und ihr Begriff von Fairness muss in vielen Ländern noch aus dem Fremdwörterbuch übersetzt werden.

Die auf diesem Turnier dargebotene Philosophie der Sportart wurde eher nicht weiter entwickelt. Die spanische Vorstellung von der Prozessorientierung war wieder einmal erfolgreich, die italienische Renaissance des Spielmachers blieb eine Momentaufnahme und die Defensivtaktik einiger Hardliner verhalf auch nicht zum Erfolg. Bleibt abzuwarten, welche Spielauffassung in Zukunft in der Lage sein wird, die spanische erfolgreich zu beerben.

Der Fußball ist und bleibt eine Sportart, aus dessen Praxis man sehr gut das gesellschaftliche Leben eines Landes lesen kann. Wir können sehr viel lernen über die Art und Weise, wie das deutsche Team bei den osteuropäischen Nachbarn aufgetreten ist: Die Fähigkeiten und Fertigkeiten sind herausragend, der Teamgeist funktioniert nur bei stabilem Wetter und die kantige Individualität darf keine Rolle spielen, geschweige denn sich entfalten. Es dominiert der Größenwahn, wenn Demut und Respekt gefordert wären und es triumphiert die Angst, wenn die Stunde des Mutes an der Reihe gewesen wäre. Es fehlte die Größe, die Klasse anderer anzuerkennen und leider wurde sie nicht selten ersetzt durch das Ressentiment gegen das Andere, Fremde. Es gibt also vieles, was wir noch lernen müssen, bevor es Titel sind, die kommen.

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