Archiv für den Monat Januar 2013

Der Apparatschik in der digitalen Moderne

Mit dem Untergang der Sowjetunion vor über 20 Jahren glaubten viele, dass damit ein seit der russischen Revolution herausgebildetes Phänomen ebenfalls den Geschichtsbüchern angehört. Es handelt sich um den Apparatschik. Damit gemeint sind Personen, die eine Funktion in Partei- und/oder Parteiapparat innehaben und deren Bezugsfeld nichts anderes ist als das erwähnte. Alle Beziehungen sind exklusiv eine Referenz an den Apparat. Von ihrer Berufsbiographie erklärte sich diese monothematische soziale Zugehörigkeit aus der Exklusivität. Zumeist handelte es sich um Personen, die nie etwas anderes gemacht hatten als Politik. Besonders aus dem Westen kam immer wieder das damals sicherlich noch zutreffende Argument, dass im Gegensatz zum Apparatschik in den westlichen Demokratien Politiker und politische Funktionäre in der Regel einen bürgerlichen Beruf hatten, aus dem heraus sie sich für eine politische Laufbahn entschlossen hatten. Ihr Vorteil war, dass sie dadurch einen Einblick in das zivile Leben wie in die Funktionsweise von wirtschaftlichen Leistungsorganisationen gewinnen konnten. Zum Wesen von Apparatschiks dagegen gehörte, dass sie ausschließlich mit der Loyalität gegenüber dem politischen Referenzsystem brillieren konnten. Außerhalb desselben hatten sie nichts zu bieten. Sie verdankten dem System ihre Stellung und waren dadurch auf Gedeih und Verderb erpressbar.

Das politische System des Westens hat nach dem Niedergang der Sowjetunion verschiedene Analogien produziert, die beunruhigend sein müssen. Eine schwerwiegende ist die Verselbständigung der Bürokratie, die durch eine monströse Verregelung dokumentiert, dass sie den Bürgerinnen und Bürgern kein gesellschaftlich vernünftiges Verhalten mehr zutrauen. Diese Tendenz verifiziert sich bei jeder Problemstellung, die eine neue Regel nach sich zieht. Über diese Regeln und ihre Einhaltung wachen zunehmend Menschen, die außer der Bürokratie, in der sie sozialisiert wurden, über keine zivile Sozialisation mehr verfügen.

Betrachtet man die politischen Karrieren vieler heutiger Politikerinnen und Politiker, so stellt man fest, dass der Eintritt in Parteiapparate und politische Ämter zumeist vor der Möglichkeit stattfinden, eine Berufsausbildung abzuschließen oder Berufserfahrung zu sammeln. Die Karrieren, die sich daraus entwickeln, definieren sich ebenfalls aus der Exklusivität des jeweiligen einzigen Bezugssystems. Auch sie sind ausschließlich angewiesen auf ein Referenzsystem, das das Verdienst in Loyalität und nicht, wie z.B. in Wirtschaftsorganisationen, in Leistung misst.

Die Folge ist eine Art Wiedergeburt des Apparatschiks. Das große Staunen, das sich zunehmend in der Bevölkerung breit macht über die Denk- und Handlungsweise dieses Typus lässt sich aufschlüsseln, wenn deutlich wird, dass die Bezugssysteme im politischen System selbst gesucht werden. Letzteres kapselt sich zunehmend ab von den Lebensbedingungen der Zivilgesellschaft und den Wirtschaftsbetrieben. Der Erfolg von Politik und dem politischen System wird aus Sicht des politischen Systems kaum noch gemessen an der gesellschaftlichen Relevanz und Wirkung, sondern aus Gesichtspunkten des Machterhalts und der Verbesserung der eigenen Struktur. Letztere birgt den Hang zur Expansion, d.h. ist das politische System aus eigener Betrachtung erfolgreich, so dehnt es sich aus, sprich so vergrößert sich die Bürokratie.

Abgesehen von der wachsenden Verdrossenheit innerhalb der Bevölkerung, die auch einmal umschlagen kann in Zorn, nagt zunehmend ein Widerspruch an der inneren Konsistenz des Systems selbst. Funktions- und Handlungsweisen der neuen Apparatschiks sind zunehmend abgekoppelt von den politischen Programmen, mit denen durch Wahlen immer noch die Zugänge zum System erworben werden. Das löst tendenziell die Kohärenz des Systems von innen auf. Doch vorher wird die allgemeine Handlungsunfähigkeit offensichtlich. Währenddessen erfreut sich der Apparatschik an seiner wiedergewonnenen Existenzform in der digitalen Moderne.

Der Ton ist die Heimat

Tony Lakatos. Home Tone

So, wie manche Jazzgrößen der USA teils nicht zu Unrecht darüber klagen, dass sie im eigenen Land nur sehr schwach wahrgenommen werden, was dazu geführt hat, dass sie nicht selten Jahrzehnte ihres Lebens in europäischen Metropolen verbracht haben, so könnte es eigentlich auch dem Saxophonisten Tony Lakatos ergehen. Lakatos, Rom, Ungar, Weltsuchender, kam Ende der siebziger Jahre nach Frankfurt, wo er bis heute blieb. Längst hat er einen deutschen Pass, aber Weltsuchender ist er geblieben. Seine Orientierung galt immer dem amerikanischen Jazz, der in Frankfurt immer gut aufgehoben war. Lakatos, selbst Mitglied der HR-Big Band, zeigte in den Alben unter seinem Namen, worum es ihm ging: Auf I Get With You Very Well drehte sich alles um die Musik von Hoagy Carmicheal, mit Gipsy Colours reflektierte er sein eigenes Erbe, Porgy & Bess setzte den für ihn klassischen Rahmen und The Coltrane Hartman Fantasy kann als Referenz ein sein großes Vorbild in der Beherrschung des Tenorsaxophons gelten.

Nun, mit dem Album HomeTone ist Lakatos auf einer Flughöhe angekommen, die ihn selbst zu einer der großen Adressen des zeitgenössischen Jazz macht. Nicht nur, dass die Aufnahmen in New York gemacht wurden, sondern auch die Kombination seiner Mitspieler, die mit Axel Schlosser (Trumpet, Flugelhorn), Robi Botos (Piano), Robert Hurst (Bass) und Billy Drummond (Drums) aus Europa und den USA stammt und somit das vermittelt, was dem Arrangeur und Protagonisten vorschwebt: Das Genre des Jazz, geprägt von nordamerikanischer Dominanz, aber mit am Leben gehalten durch kulturelle Einflüsse aus anderen Sphären.

Dass die Reise des Toni Lakatos mit dem Titel Dark Passengers beginnt, ist angesichts der eigenen Migrationsgeschichte nicht verwunderlich. Und tatsächlich ist das Stück durch die Akkordfolgen des Klaviers und die Sentenzen des Tenors einer Reise in das Ungewisse nachempfunden. Bereits auf Kovalam sind Coltrane-Typologien identifizierbar, die Billy Drummond immer wieder mit Kontrapunkten in das Schema zurückzwingt, dass es eine Freude ist. Leonard erinnert in starkem Maße an die Setzungen eines Horace Silver. Wie generell festzustellen ist, dass Robi Botos am Klavier maßgebliche Anteile der Regie übernimmt, die weder durch die stets sanften, aber eindringlichen Interpretationen durch Lakatos noch durch die härter akzentuierten Soli von Schlossers Trompete beeinträchtigt werden könnte. Schlosser und Lakatos liefern sich in It Has Been Agreed Duelle wie in den wildesten Zeiten des Bebop, ohne die Aura einer nostalgischen Veranstaltung auch nur aufkommen zu lassen. Auch hier ist es wieder Robi Botos, der die beiden, zusammen mit dem treibenden, aber regulierten Drummond wieder einholt. Slow Dripping Papaya ist eine Avance an die große Lyrik des modalen Jazz und Cat – Kiss ein Zwischenspiel über die urbane Vergänglichkeit. Und dass die insgesamt 8 eingespielten Titel, die viermal von Toneless Interludes geordnet werden, mit dem Titel Unanswered enden, ist das Bekenntnis Lakatos zur Offenheit, der er stets mit glaubwürdiger Konsequenz folgt.

Darin besteht auch der Charme des Albums, das mit dem Titel HomeTone die Dialektik von Lakatos Orientierung preisgibt: Der Ton macht die Musik, und er ist der eigentliche Ort der Heimat, auf welchem Wege man dorthin gelangt, das lässt er wohl wissend offen. Er muss es wissen!

Hanna Arendts Stand wäre heute nicht leichter

Margarethe von Trotta. Hannah Arendt

Margarethe von Trotta hatte das Gespür. Wie aus heiterem Himmel wählte sie unter möglichen Filmsujets die Geschichte, beziehungsweise eine Geschichte aus dem Leben der Hannah Arendt aus, und sie traf damit einen Nerv. Nicht, dass das Leben der Intellektuellen, der Jüdin, der Emigrantin und immer wieder Verfemten in irgendeiner Weise nicht per se interessant wäre. Ihre Denkschule, aus der sie kam, von Heidegger über Husserl bis zu Jaspers, oder ihre Exilstationen von Paris bis New York, ihre Attacken gegen Adorno und Horkheimer, ihre grandiosen Schriften, vor allem die Elemente und Ursprünge totaler Herrschaft, alles gäbe exzellenten Stoff für einen Film. Nein, von Trotta wählte die Berichterstattung vom Eichmann-Prozess in Jerusalem, der eine Aktualität dokumentiert, die erschreckend ist.

Die von Barbara Sukowa hölzern gespielte und im brecht´schen Sinne bewusst als dargestellte Figur wahrgenommene Hannah Arendt, die 1961 am Riverside Drive in New York mit ihrem Mann Heinrich Blücher lebt und an der New School of Social Research und der Columbia University lehrt, hatte das Graue des Exils bereits hinter sich gelassen und begann, 20 Jahre nach ihrer Einreise, sich in den USA zu etablieren. Die Entführung Eichmanns in Argentinien durch den israelischen Mossad und der bevorstehende Prozess in Jerusalem führten jedoch zu einer weiteren radikalen Wende in ihrem Leben. Die Anfrage des Magazins New Yorker, über den Prozess aus Jerusalem zu berichten, besiegelte diese Wende.

Hannah Arendt kam mit zahlreichen Einsichten aus Jerusalem zurück, wobei zwei davon für sie verhängnisvoll sein sollten. Die eine bezog sich auf die Beobachtung, dass die jüdischen Eliten, die mit den Nazis kollaboriert hatten, aus Arendts Sicht die Zahl der Opfer noch erhöht hatten. Und die zweite war die Feststellung, dass eine Figur wie Eichmann nicht die monströse Inkarnation des Bösen war, sondern der Superlativ des Mediokren. Nach Arendts Beobachtung ein banal funktionierender Bürokrat, der das Denken in moralischen Kategorien gar nicht mehr beherrschte oder aufgegeben hatte.

Der Film zeigt die Ressentiments, die über diese Frau hereinbrachen und sie erneut zu einer Gejagten machten. Nur wenige hielten noch zu ihr, doch sie folgte ihren Einsichten und sprach weiter von der Banalität des Bösen. Der Film kommt ohne eigentliches, bewusst inszeniertes Ende aus, weil die Genese des Ressentiments bis in die heutigen Rezensionen zum Film fortlebt. Und das macht das Ganze so erschreckend.

Auch wenn es stimmen mag, dass die historische Forschung heute darauf verweisen kann, dass Eichmann sich ganz bewusst versucht hat als ein mediokrer Bürokrat zu inszenieren, so sollten uns doch die Gedanken an die von Moral und Sinn abgehängten Bürokraten beunruhigen, denn die Erscheinung ist massenhaft in unserem Gesellschaftswesen erhalten geblieben. Und wenn man sich anhört, wie diese selbst argumentieren, dann findet man zahlreiche Analogien zu dem, was dieser Angeklagte in Jerusalem damals zu Protokoll gab.

Und es beunruhigt zu sehen, dass, wenn die große Masse, sei sie traumatisiert oder auch nicht, einmal zu einem Urteil gekommen ist, die Differenzierung nicht mehr erlaubt. Sie wird zur Bestie gegenüber denen, die sich um ein rationales Urteil bemühen. Ob es das Ziel Margarete von Trottas war, die Hysterie des Zeitgeistes unter Nutzung einer historischen Vorlage unter das Brennglas zu halten, ist ungewiss. Gelungen ist es ihr. Hannah Arendt hätte heute einen schweren Stand!