Rachid al-Ghannouchi

Jetzt, nachdem Tunesiens Ministerpräsident Hamadi Jebali das Handtuch geworfen hat, wird deutlich, wer innerhalb der Ennahda-Partei das Sagen hat. Nach dem offenen politischen Mord an dem Oppositionspolitiker Chokri Belaid, der sich für die strikte Trennung von Religion und Staat ausgesprochen hatte und als die deutlichste Stimme des Laizismus in Tunesien galt, hatte Jebali versucht zu de-eskalieren. Indem er sich dafür aussprach, die Interimsregierung sofort von Politikern zu säubern und dafür partei-unabhängige Technokraten einzusetzen, hatte er das Signal aussenden wollen, dass der Mord und die damit verbundene Polarisierung im Land niemandem politisch nutzen sollte. Es war ein letzter Versuch, verloren gegangenes Vertrauen wieder herzustellen. Ministerpräsident Jebali, selbst prominentes Mitglied der islamischen Ennahda-Partei, konnte sich nicht durchsetzen. Der islamistische Flügel um den Vorsitzenden Rachid al-Ghannouchi schlug die Geste zur Versöhnung aus und hielt an der Macht fest. Damit ist klar, dass in Tunesien die offenen Machtkämpfe die nächste Zeit bestimmen werden. Rachid al-Ghannouchi wird dabei eine Hauptrolle spielen.

Der Mitbegründer der Ennahda-Bewegung, den die Oppositionellen im Land als den Drahtzieher der Ermordung Chokri Belaids ansehen, weist eine Biographie auf, wie sie für die aktuelle Nomenklatura im islamistischen Weltgefüge nicht typischer sein könnte. Rachid al-Ghannouchi wurde 1941 in einer tunesischen Kleinstadt als Sohn eines Imams geboren. Prägend für ihn war der Widerstand gegen die französische Kolonialpolitik. Als er nach Tunis geht, um zu studieren, lernt er den immensen Unterschied zwischen Stadt und Land sowie zwischen islamisch-traditioneller und westlich-mondäner Lebensweise kennen. Da er das eine kennt und verinnerlicht hat und das andere schätzen lernt, gerät er früh in eine Identitätskrise. Später, als er Gelegenheit erhält, Europa zu bereisen, erlebt er die aus seiner Sicht Sitten- und Gottlosigkeit in den europäischen Metropolen als einen Schock, von dem er sich nicht mehr erholen soll.

Bereits 1981 gründet er das Mouvement de la Tendance Islamique (MIT), seinerseits Vorläufer der heutigen Ennahda. Noch während der Herrschaft Bourguibas wird Ghannouchi inhaftiert und zum Tode verurteilt. Nach der Ablösung Bourguibas durch Ben Ali wird das Urteil wieder aufgehoben. Dennoch werden die Aktivitäten der Ennahda während der Präsidentschaft Ben Alis nicht gerne gesehen und verfolgt, was der Bewegung bei den ersten freien Wahlen nach dessen Sturz 2010 einen entscheidenden Bonus aus Sicht der Wählerinnen und Wähler gibt: Sie gilt als nicht korrupt und pragmatisch.

Nun, nachdem unter Führung der Ennahda immer noch keine Verfassung vorliegt und sogar der politisch kalkulierte Mord Einzug in Tunesiens Politik genommen hat, stellt sich die Frage, inwieweit Rachid al-Ghannouchi nicht nur der Protagonist der weiteren Geschehnisse wird, sondern auch, da er die Polarisierung des Landes wie kein anderer verkörpert, er derjenige sein wird, der den Scheideweg des Landes zwischen radikalem Islamismus und einer weltlichen, post-kolonialen Demokratie ausmacht. Vom internen Kräfteverhältnis wäre letzteres wahrscheinlich, aufgrund der systemischen Internationalisierung der Arabellion droht die massive Gefahr des ersteren. Je schneller der Name Ghannouchi aus den Schlagzeilen verschwindet, desto größer die Wahrscheinlichkeit, dass Tunesien noch einen eigenen, souveränen Weg in die Zukunft findet. Je länger die Weltöffentlichkeit jedoch den Namen Rachid al-Ghannouchi vernehmen muss, desto gewaltgetriebener, anti-zivilisatorischer und desaströser wird der Weg sein, den Tunesien gehen wird.